Rundbrief / Aktuelles

Gemeinschaftsvertrag
Neugeburt der Kulturen statt Kampf der Zivilisationen

Die gegenwärtige Situation der Weltwirtschaft und der Weltfinanzen ist nicht ausweglos. Sie erscheint jedoch so, weil die Bürger gelernt haben, die Krisenphänomene unserer Kultur als Zeichen des Niedergangs zu verstehen. Für diese Fehldeutung gibt es Ursachen. Sie liegen in einem falschen Verständnis von Zivilisation und Kultur. Gerät nach dieser Deutung eine Kultur in die Krise, so geht sie unter ohne eine Chance auf Wiederkehr. (1) Die Ursachen für dieses apokalyptische Denken liegen in unserem Kulturverständnis. Nietzsche, Spengler und Toynbee haben dafür die kulturphilosophischen Muster geprägt. Danach steigen Kulturen ab und sterben, wie andere aufsteigen, weil sie geboren werden. Als „Theorie der Kulturzyklen“ sitzt dieses Denkmuster tief im Unterbewusstsein der europäisch-amerikanischen Kultur. Sie prägt unser Krisenverhalten und hemmt zugleich unseren Optimismus. Durch Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ (2) haben diese Muster Eingang in die Formulierung der Weltpolitik dieses Jahrhunderts gefunden. Sie beeinflusste über Bushs Antiterrorpolitik die Kultur- und Politikbeziehungen des Westens zur übrigen Welt. Diese Politik ist gescheitert. Die Folgen müssen die Völker tragen. Ihre Ursachen wirken weiter in der Gier nach Macht und in einer Politik der Ausgrenzung anderer Kulturen. Die emotionale Basis haben diese Muster im Kulturpessimismus. Tatsächlich hat Huntington die richtigen Fragen gestellt, aber die falschen Antworten gegeben. Durch seine kulturelle Prägung sind daraus Prophezeiungen entstanden. Heute werden sie durch die Wirklichkeit widerlegt. Die „arabische Kultur“ sucht den Weg zur Demokratie. Die Kulturgrenzen sind durchlässig und zu Lerngrenzen geworden. China erlebt einen phänomenalen Aufstieg durch die Übernahme der westlichen Zivilisationstechniken, versucht aber gleichzeitig das Aufkeimen der Demokratie in seinen Grenzen zu verhindern. Zweifellos befinden wir uns in einer komplizierten Phase der Weltgeschichte. Sie ist gekennzeichnet durch ein weltweites kulturelles und zivilisatorisches Lernen. Die Neugeburt alter Kulturen ist das herausragende Phänomen.
In acht Thesen will ich versuchen, die wesentlichen Merkmale dieser Entwicklung darzustellen. Dabei argumentiere ich gegen die These vom Kulturverfall, indem ich an die vergessenen Erkenntnisse der Kulturtheorie des letzten Jahrhunderts anknüpfe.

Meine Grundthese lautet: Kulturen kommen dann wieder, wenn sie anstelle des Gesellschaftsvertrags, der vorrangig die zivilisatorischen Elemente regelt, einen Gemeinschaftsvertrag begründen, der vorrangig die kulturellen Elemente fördert.

1. These: Weil wir an die Theorie der Kulturzyklen und an Untergangszenarien glauben, sind wir nicht in der Lage, die tatsächliche Kraft der Wiedergeburt von Kulturen zu verstehen. Kulturen kommen wieder. Ihr Zyklus ist nicht einmalig. Er kann sich wiederholen und er wiederholt sich gegenwärtig in China und Indien.

Um jedoch in einen neuen Zyklus zu kommen, müssen alte Kulturen ihre Erstarrung überwinden. Die kulturelle Erstarrung entstand durch die Perfektionierung ihrer technischen und organisatorischen, also ihrer zivilisatorisch Mittel. Das Beispiel China: Die Beamtenherrschaft (Gentry) in China und ihr hinhaltender Widerstand gegen die Modernisierung (3) durch westliche Methoden führte am Ende (1912) in den Zusammenbruch der Mandschu-Dynastie. Es war in der Mitte der chinesischen Gesellschaft ein Stillstand entstand. Derartige Systeme sind geistig tot, lang bevor sie politisch abtreten. Doch wenn eine Gesellschaftsform verschwindet, stirbt noch nicht die Kultur. Kulturen leben länger als Gesellschaften, obgleich die Zivilisationsmittel der Gesellschaften das technische und organisatorische Geflecht liefern, durch die Kulturen funktionieren.

Historisch gesehen barg jede kulturelle Krise eine Chance zur Erneuerung in sich, wenn es gelang die alten gesellschaftlichen Verkrustungen aufzubrechen. Das führte in einen Prozess der kulturellen Erneuerung. Anlass und Hilfe boten erfolgreiche andere Kulturen. Ihr Erfolg oder Sieg über die eigene Gesellschaft war dann die Herausforderung, die eigene Lage endlich kritisch zu sehen. Entzog sich ein kulturelles System in der Konfrontation mit der anderen Zivilisation und Kultur dem Lernprozess, oder wurden die Lernprozesse unterdrückt, so verschwanden diese Kulturen. Kulturen lernen, indem sie das eigene Gute bewahren und das bessere Andere importieren oder weiterentwickeln. China lernte von den Mongolen Dschingis-Chans neue Militärtechniken und machte aus seinem Nachfolger Kublai-Chan (1214-94) einen chinesischen Kulturträger. Griechenland, die Wiege der europäischen Kultur kultivierte durch den Hellenismus Asien, übernahm aber dabei von Ägypten und Persien sowohl Zivilisationstechniken als auch kulturelles Verhalten. Zur Zeit der osmanischen Besetzung zog sich die griechische Kultur auf ihren Gemeinschaftsgeist zurück. Sie verlor in dieser Zeit aber den Anschluss an die modernen Zivilisationstechniken Zentraleuropas. Das ist Teil der gegenwärtigen griechischen Krise. Der Widerstand gegen den Osmanischen Staat hat zu einer kulturellen Grundhaltung gegen das Staatswesen insgesamt geführt. Die Neugeburt der griechischen Kultur kann nur über die Erneuerung der Zivilisationstechniken des griechischen Staatswesens führen.

2. These: Kulturelle Erneuerung ereignet sich in der Auflösung von zivilisatorischen und kulturellen Grenzen. Die Grenze wird zum Ort der Begegnung. Das Innenland wird zum kulturellen Raum, neue Lebenswelten kennen zu lernen.

Die zivilisatorische Entwicklung ist immer eine innere Herausforderung für die kulturelle Erneuerung. Zunächst begegnen sich Kulturen an ihren Grenzen als fremde Lebenswelten. Die Unterschiede in den Lebensweisen markieren aber nicht nur unterschiedliche Formen des Lebens, sondern immer auch Auffassungen wie „man“ zu leben hat. Durch ihr kulturelles Selbstverständnis wirkt jede Kultur als Lebenswelt nach innen. Sie ändert sich erst dann, wenn sie an ihren Grenzen das Fremde als Anregung zum Lernen begreift. Die Veränderung erfolgt zunächst durch den Versuch, erfolgreiche zivilisatorische Ideen in ihren technischen und ökonomischen Formen zu übernehmen. Doch jede zivilisatorische Transformation hat sich in der Geschichte noch nie nur in einer Einbahnstraße ereignet. Auf lange Sicht verändert sich die reformbereite Kultur durch die Übernahme und Integration kultureller Verhaltensweisen. Kulturen werden durch andere Kulturen inspiriert und übernehmen in „Zwischenzonen“ neue Elemente, die sie aber zuerst als „barbarische“ Lebensformen verstehen. „Diese in jeder hochintegrierten Kultur vorhandene Zwischenzone ist die eigentliche Geburtsstätte und Heimat der neuen Hochkultur.“ (4)
Zivilisation und Kultur sind zwei verwobene, aber doch eigenständige Bereiche unserer Lebenswelt. (5) Zivilisationen sind technische, ökonomische und organisatorische Funktionszusammenhänge. Die Globalisierung von Märkten durch den Waren- und Geldfluss hat zu einem intensiven weltweiten Austausch geführt. Sie hat Gesellschaften dadurch verbunden, dass sie „Zwischenzonen“ des Austausches erzeugte. Auf der Zivilisationsebene wandern Techniken um die Welt. Auf dieser Ebene werden ökonomische Strukturen jenseits des kapitalistischen Westens von ganz anderen Kulturen kopiert und implementiert. Dieser Prozess verläuft für uns bisher nach den Regeln eines globalen Kosten-Nutzen-Vergleichs (benchmarking) und der besten Produktionspraxis (best practice). Die Zwischenzonen erscheinen zunächst als „Freihandelszonen“, als Zivilisationsinseln in einer alten Gesellschaft. Als Zivilisationsprozess erzeugt er neue gesellschaftliche Strukturen in Kommunikation, Verwaltung und Staat. Als Modernisierungsprozess ihrer Gesellschaften trifft er auf Individuen und zwingt sie zur Entscheidung für oder gegen die neuen Zivilisationstechniken. Der Zwang sich oft von heute auf morgen für eine derartige Praxis zu entscheiden, ändert an der Tatsache nichts, dass diese Menschen sich in ihrer Lebenszeit entscheiden können.

In eine Kultur sind die Menschen jedoch hineingeboren. Sie erfahren dort Prägungen durch Sprache, Sitten, Ideologien oder Religion. (6) Diese Prägungen können sie nicht über Nacht ablegen. Wie sehr beide Bereiche über die moderne Technik verbunden sind, zeigt heute jedes Handy. Mit ihm kann ein tibetanischer Mönch genauso telefonieren, wie ein chinesischer Funktionär. Ein Börsenmakler nutzt es wie der Philosoph. Die Nutzung eines Zivilisationsinstruments macht sie nicht zu Mitgliedern einer Kultur. Sie leben zunächst in ihren Kulturen weiter, begegnen sich aber hier auf einer weltweit genutzten technisch-zivilisatorischen Plattform. Sie wird zu einer „Zwischenzone“ der anderen Kultur in ihrem Bewusstsein.

3. These: Kulturen suchen das Gemeinwohl. Der Staat als geschäftsführender Ausschuss der Gesellschaft arbeitet im Funktionszusammenhang der Zivilisation. Vom Staat können wir keine Erneuerung der Kultur erwarten.

Kulturen gehen aus einer ursprünglichen Erfolgsidee hervor. Das kann Wasserbau und gerechte Verteilung sein (Ägypten und China). Ohne Gerechtigkeit kann die entstandene Ordnung jedoch nicht bestehen (Ma´at in Ägypten). Sie ist das Bindeglied aller Hochkulturen gewesen. Gerechtigkeit bezieht sich nicht nur auf die Verteilung von Dingen, sondern auf die Anerkennung und Würde der Menschen („richtige Gesinnung“ in China (7)). Aufstiegschancen in Hierarchien sind ein Element der Chancengleichheit. Teilhabe und Teilnahme an der Macht im Staat und der Zugang zu den Kulturgütern der anderen.

Gemeinschaften steigen ab, wenn sie ihre ursprüngliche Erfolgsidee im Laufe der Zeit in eine Überzivilisierung verwandeln. Kant hat das an der französischen Monarchie unter Ludwig XIV. und seinen Nachfolgern erkannt. (8) Dort hatte sich ein System luxuriöser Lebensformen seiner Inhalte entleert. Es hat das Gemeinwohl vernachlässigt, ja zerstört. Rousseau hat diese Differenz scharfsinnig als die Auflösung des alten Gesellschaftsvertrags verstanden. In Frankreich wurde der Gemeinwille (volonté général) zerstört durch den Sonderwillen einzelner Gruppen (volonté particulièr) (9). Doch macht Rousseau einen Fehler. Er spricht vom Staat, der zerstört wird. Das ist aber nicht wahr. Der Staat bleibt, er geht nur in andere Hände über. Was sich ändert, was verbogen wird und sich dann in den Untergrund der jeweiligen Kultur flüchtet, das ist der Gedanke des Gemeinwohls.

Wird der Staat zerstört und die nach Rousseau unzerstörbare Kultur ins Abseits gedrängt, dann ist die bessere Gesellschaft degeneriert (décadence). Mit der Überzivilisiertheit beginnen Korruption und Dekadenz. Was wir heute eine Systemkrise nennen, hat bereits Sallust bei der römischen Oberschicht zur Zeit ihrer größten Erfolge feststellt. (10) Eine Kultur gerät in die Krise, wenn sich ihre Gründungsidee erfolgreich durchgesetzt hat. Auf ihrem Höhepunkt angelangt beginnt der Abstieg. Er beginnt, weil gerade die Elite an Macht und Geld, an Ruhm und Schönheit mehr glaubt, als an die Macht der Vernunft und die Sorge um Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit aufgibt. (11) In der Situation des größten Erfolgs – das schein paradox – entsteht die wahre Kulturvergessenheit (Amnesie). Sie beginnt im Glauben, „man“ könne die eigene Größe verewigen durch die Dinge, die „man“ baut und konsumiert. Für jede Kultur wird die kommende Zeit zum Problem. In sie hinein soll der eigene Konsum verewigt werden. Das hat zu allen Zeit zu einer Ökonomie der Dinge geführt. In ihr arbeitet der Einzelne dann in einem technisch-ökonomischen Apparat geistlos vor sich hin. Er erinnert sich nicht mehr an die Gründungsideale seiner Kultur. Schon die einfache Frage nach dem Sinn ihres Treibens ist für viele bereits die Störung des Friedens. (12)

4. These: Die Krise ist der Ort zur Wende in die Verantwortung (apó-krisis). Kulturen sind in der Lage, vom scheinbaren Untergang einer Hochkultur zu lernen. Neue Kulturen entstehen an den Kulturgrenzen. Sie transformieren Kulturgüter und sind Kulturerneuerer. Das Ende ist der Anfang.

Ohne ein Verständnis der eigenen Kultur gibt es kein Verständnis anderer Kulturen. Damit gilt aber auch: Wer die anderen nicht erkennt, dem fehlt der Vergleich. Im eigenen Spiegel sieht man immer nur sich. Klammert man die Erfahrung der anderen Kulturen aus, so ist man entweder ignorant oder isoliert. Beides führt ins Verhängnis. Der Ignorant will nicht aus anderen Erfahrungen lernen, weil er glaubt, sowieso schon alles zu wissen. Der Isolationist bemerkt die eigene Begrenzung (ìdion) nicht, weil er das Begrenztsein, den Ausschluss der anderen Welt sowieso als etwas Gutes ansieht. (13)

Huntingtons Theorie vom „Kampf der Kulturen“ ist ignorant hinsichtlich des kulturellen Lernens. Und sie ist isolationistisch im oben genannten Sinn, weil sie die eigene Begrenzung als etwas Gutes ansieht und diesen Ausschluss und die Abschottung noch verstärkt. Um diese beiden Ziele – Ausschluss vom Lernen und Einschluss in den eigenen Grenzen – zu begründen, stützt sich die Theorie von Huntington auf zwei Geschichtsphilosophien. Bei diesen Kulturtheorien handelt es sich um Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes (14) und um Arnold Toynbees A Study of History (15). In Deutschland erschien Toynbees Buch unter dem bezeichnenden Titel Der Gang der Weltgeschichte. Aufstieg und Verfall der Kulturen. Aufgrund seiner eigenen kulturellen Prägung übernahm Huntington nur jene Teile, die auch ohne Widerspruch in sein eigenes Weltbild passten. So machte er die beiden zentralen Fehler dieser Autoren zur Grundlage seiner Theorie. Gleichzeitig ignorierte er aber die zwei größten Einsichten von Spengler und Toynbee. Der größte Irrtum Spengler bestand in der These, dass Kulturen einen organischen Lebenszyklus hätten. Sie seien wie eine Monade nach außen geschlossen. Seine größte Entdeckung bestand in der Einsicht, dass neue Kulturen durch alte Kulturen lernen und in den Grenzregionen Kulturtransfer stattfindet. (16) Toynbees größte Erkenntnis bestand in der Einsicht, dass Kulturen auf Herausforderungen der Umwelt antworten (challenge and response) und dass sie sich dabei wechselseitig beeinflussen (Affiliation). Toynbees größter Irrtum liegt in der Behauptung, die christliche Religion sei letztlich das Ferment unserer westlichen Kultur. (17)
Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ fasst nun leider die Irrtümer der beiden zusammen und schließt ihre wirklichen Erkenntnisse aus. Er spricht von Kulturen als monolithischen Blöcken, die sich in ihrem Inneren durch die jeweilige Religion definieren, aber an ihren Grenzen für kulturelle Beeinflussungen undurchlässig sind. Die Kulturgrenzen werden zu Bruchstellen und Konfliktlinien umdefiniert. An ihnen finden vorhersehbar Reibungen und Kriege statt.
Die isolationistische Ignoranz Huntingtons arbeitet mit einem absolutistischen Muster. Sie hat einer imperialen Politik die theoretische Begründung geliefert und kann es wieder tun. Das Muster steckt in einem zweifachen Kulturproblem. Jede Kultur sieht sich zunächst als den Mittelpunkt der Welt, obgleich sie doch immer nur der Mittelpunkt der eigenen Welt ist. Wer sich aber als absoluten Mittelpunkt sieht, der schließt die Anderen selbstverständlich auch absolut aus. Statt diese Haltung zu problematisieren oder gar als geisttötend zu kritisieren, bleibt Huntington bei seiner isolationistischen Grundeinstellung. Ja, er überträgt sie auf andere Kulturen, indem er ihnen die gleiche bornierte Abgrenzungspolitik unterstellt. Das führt zu der Meinung, auch andere Kulturen lassen sich durch die Übernahme westlicher Technologie nicht in eine „universelle Kultur“ des Westens einfügen. Die „Modernisierung stärkt vielmehr diese Kulturen (...) und verringert die relative Macht des Westens.“ (18) An dieser Stelle zeigt sich die imperiale Haltung: „Alles oder nichts!“ Sie verkennt den dynamischen Kulturprozess.

5. These: Zwischen Zivilisation und Kultur findet der globale Austausch statt. Modernisierung und kulturelle Identität sind dabei in einem parallel verlaufenden Lernprozess verbunden und immer aufeinander bezogen. Ihre Beeinflussung verläuft heute schneller und die Einflussnahme ist stärker, als das bei Lernprozessen früherer Kulturen der Fall war.

Wir verschließen uns dem Inhalt dieser Lernprozesse, wenn wir sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der mechanischen „Beschleunigung“ sehen. Denken wir im technischen Zeitmuster, dann entwickeln wir kein Verständnis für die Dauer des kulturellen Einstellungswandels. Kulturelle Lernprozesse brauchen die richtige, weil einfühlsame Zeit (kairós) für das notwendige Kennenlernen.
Durch unsere Fixierung auf die organisatorisch-technische Modernisierung übersehen wir regelmäßig, dass andere Kulturen nicht nur zivilisatorische Techniken, sondern auch demokratische Umgangsweisen erlernen. So die Anerkennung des Anderen in einer pluralen Gesellschaft. Darin öffnet die andere Kultur durch ihr Anderssein das Tor zum demokratischen Neuen. Das betrifft auch „demokratische Kulturen“. Gleichheit und Andersheit sind Grundelemente der Demokratie. Im technisch-ökonomisch fixierten Denken des Westens sind diese Elemente des kulturellen Wandels auch bei uns in den Untergrund gedrängt worden oder für unser Kulturbewusstsein sogar verloren gegangen.

6. These: Kulturen haben einen längeren Atem und sie kommen wieder. Sie integrieren und transformieren das Fremde ins Eigene (China, Indien). Dabei greifen sie auf ihre Traditionen zurück.

Die Kommunistische Partei Chinas spricht heute von einer „Kultur der Harmonie“ und bezieht sich dabei direkt auf Konfuzius. Das ist exakt jener Philosoph, den diese Partei in Maos Spätphase als das Grundübel Chinas erbittert bekämpfte. Warum dieser Schwenk? Selbst wenn er rein taktisch motiviert sein sollte, so reflektiert er doch die kulturelle Erinnerung. Sie ist nicht abgerissen. Will die KP Chinas überleben, so muss sie eine kulturelle Basis finden, die sie mit dem Volk teilt. Der Maoismus ist diese Basis nicht mehr. Insofern ist der Appell an den Gemeinschaftsgeist keine leere Formel. Er verbindet die zivilisatorische Erneuerung mit der kulturellen. Dass er sich heute gegen die Demokratiebewegung richtet, ist kein Beweis gegen die These des Kulturtransfers. Der Transformationsprozess verläuft nur nicht in den Bahnen, die wir uns eingebildet haben. Er wird eine neue chinesische Demokratie hervorbringen. Das eurozentristische Bild einer Weltkultur war imperial. Europa und Amerika wollen eine Weltkultur nach ihrem Muster bestimmen und möglichst christlich prägen. Integration bei gleichzeitigem Streben nach eigener Integrität, das sind heute die Wege und Methoden, mit denen auch alte Kulturen in ihrem Kampf um Selbstbestimmung zum einen von uns lernen und zum anderen sich jenseits unserer Bevormundung erneuern wollen.

7. These: Die „Stunde Null“ ist die Zeit der Kulturerinnerung und Erneuerung. Das Ende ist der Anfang, weil es die wesentlichen Kulturelemente mobilisiert und zur Verbindung mit dem Neuen zwingt. Jeden Kulturtransfer motiviert die Idee der Gemeinschaft!

Franz Borkenau hat den genialen Gedanken vom Ende als Anfang formuliert. Jedes zivilisatorische Ende ermöglicht den Neuanfang einer Kultur. Sie muss allerdings kulturell so stark sein, dass sie die fremden Elemente in der „Stunde Null“ integrieren kann. Mao zerstörte in China die alten Gesellschaftsstrukturen. Das Land wurde in einer Stunde Null auf sich selbst zurückgeworfen und entdeckte – nach Maos Sturz – die Wurzeln seiner unzerstörbaren Kultur. Das waren die Gemeinschaftsstruktur und die Tradition des Konfuzianismus. Der neue Anfang baute auf die Wiedergeburt dieser Kulturelemente, die Übernahme westlicher Technologie (Zivilisation) und die kulturelle Idee der Beteiligung der Volksmassen und einer selbstbewussten Arbeiterschaft. Das sind die kulturellen Reste des Marxismus. Er hat sie mit der rätedemokratischen Idee, die im Marxismus steckt, nach China gebracht. Der neue Anfang hat dort seine Basis in der Parallelität der Zivilisationsstränge und der Transformation der Kulturelemente.
In der sogenannten Stunde Null fallen Völker ganz offensichtlich auf einfachste, dann aber tragfähige Kulturpositionen zurück, weil sie in ihnen ihren kulturellen Halt wiederfinden. Das ist vor allem der Gedanke der Gerechtigkeit in einer Gemeinschaft der Gleichen. Dieser Prozess ist wechselvoll und immer mit Rückschlägen verbunden. Weil wir in ihm stecken und er in unmittelbarer Umgebung stattfindet, sehen wir mangels Distanz die Notwendigkeiten, aber auch die Erfolge dieses Prozesses nicht. Chinas Aufstieg aus den Trümmern ist phänomenal. Er kann uns dabei helfen, die Fehler des Kulturpessimismus zu überwinden und die wirklichen Einsichten der Kulturtheorie neu zu nutzen.

Bei diesem historischen Vergleich wird ein Muster deutlich. Die Lernprozesse bei der Wiedererinnerung der alten Kultur und der Geburt der neuen Kultur zeigen sich in vier Stufen:
1. Nach der Ausbildung ihrer Gründungsidee in Griechenland ist die europäische Hochkultur den Weg von der Ethik der Lebenshaltung (Sorge um das Gute) in den Konsum von Genussmitteln gegangen. Dort begann der Kulturverfall durch Korruption und Verschwendung, zuerst in der Oberschicht, dann in der Unterschicht (panem et circenses, Brot und Spiele). Am Ende erreichte er auch die römische Mittelschicht der Handwerker und Bauern.
2. Der Absturz, die „Stunde Null“ war für West-Rom der Zusammenbruch und die Übernahme der Macht durch die Germanen. Die von ihnen kopierten römischen Lebensformen wirkten aber wie ein experimenteller „Zwischenraum“. Die Gemeinschaft der Gleichen und Freien, die Wahl der Anführer hat zum allgemeinen Wahlrecht in der englischen Revolution geführt.
3. Der Neuaufstieg erfasste ganz Europa. In Italien entstand die Renaissance. Sie war der bewusste Versuch, an die griechische und römische Antike anzuknüpfen. Es entstand eine andere Arbeitsmoral, die aber nicht auf den protestantischen Norden begrenzt blieb. Sie hat auch die Kolonisation der USA geprägt. (19)
4. Die Neugeburt nach der „Französische Revolution“ führte zu einer vielgliederigen Kulturgemeinschaft in Zentraleuropa. Die neue demokratische Kultur musste sich in Europa einen mühsamen Weg zum Erfolg bahnen. Er war mit Kriegen, Ausbeutung und kultureller Überheblichkeit gepflastert. Europa ist, wie die USA zu einem „Schuldenimperium“(20) mutiert. Und doch hat eine Parallelentwicklung in ein Vereintes Europa geführt. Die Krise des Westens erscheint als der Anfang in einem Ende. Wir müssen uns an unsere „Erfolgsgeschichte“ erinnern und aus unseren Fehlern lernen.

Das Zentrum der Kulturentwicklung ist jedoch weiter gewandert. Ehemalige Entwicklungsländer haben sich tatsächlich entwickelt. Sollten sie das nicht? Ob wir es wollten oder nicht, ihr Erfolg mit unseren Mittel hat zur Veränderung der Welt geführt. Der Zivilisations- und Kulturtransfer hat stattgefunden, anders als geplant. Aus seinen Verwerfungen, seinen Modifikationen und seinem Erfindungsreichtum sollten wir für unsere kulturelle Erneuerung Lehren ziehen.

8. These: Die Neugeburt Chinas und Griechenlands ist nur durch den Gemeinschaftsgedanken möglich.

China und Griechenland haben die Kulturkreise Asiens und Europas geprägt. Griechenland gehört zu den Ursprungsländern der europäischen Kultur. Im alten Athen wurden die ersten demokratischen Kämpfe ausgefochten. Dieses Athen hat gegen Verschwendung und Korruption erfolgreich gekämpft. Doch es wurde durch Makedonien überwunden. Im Laufe seiner Historie hat es die Besetzung durch das Osmanenreich erlebt. Der osmanische Staat, das waren die Fremden. Die einigende Kultur, das waren der Clan und die orthodoxe Kirche. Keine Steuern zu zahlen war ein Akt des Widerstandes gegen die Besatzungsmacht. Nach der griechischen Befreiung (1863) und spätestens mit der Gründung des modernen griechischen Staates war das aber kein Widerstand gegen das Fremde, sondern die Verhinderung des eigenen Aufbaus. Der wurde am Ende auch noch massiv durch die Übernahme der neoliberalen Wirtschaftspolitik, ab den 80er Jahren, gestört und führte zur fundamentalen Krise der griechischen Gesellschaft.
Die griechische Kultur muss sich heute erneuern, indem sie die eigene Geistesgeschichte reaktiviert und ihre Kultur von falschen, antistaatlichen Reflexen befreit. Griechenland kann auferstehen, wenn es die Modernisierung ernst nimmt und sie als ein Projekt der Wiedergeburt des Eigenen unter Zuhilfenahme der europäischen Schwesterkulturen begreift. Rest-Europa aber muss verstehen, dass es bei diesem Projekt nicht nur um Geldtransfers oder die Implementierung von Zivilisationsinstrumenten geht (Finanzwesen, Aufbau einer effizienten Bürokratie). Das Hilfsprojekt Griechenland muss getragen sein vom Respekt für eine alte europäische Kultur, die den Anschluss an sich sucht und sich dabei wiedererfinden wird.

Europa insgesamt muss einen neuen Gemeinschaftsvertrag entwerfen. Er wird sich vom Gesellschaftsvertrag Rousseaus an einer entscheidenden Stelle unterscheiden. Kultur darf er nicht mit Zivilisation verwechseln. Am Ende muss der notwendige Streit mit der Konsumgesellschaft produktiv in den Aufbau einer besseren Kultur führen. Ein neuer Gemeinschaftsvertrag muss demnach das Verhältnis von Zivilisation als dienender Einrichtung und Kultur als verantwortlicher Lebensform erneuern. Wir sind am Anfang eines Weges, der aus dem Ende unserer Verantwortungslosigkeit hervorgehen muss. Als Privatmann (ìdiótes) ist der europäische Bürger nicht möglich. Er muss die Gestalt des homo politikós annehmen und einen existentiellen Neuanfang in Europa wollen. Europa wird dann zu einem übernationalen Gebilde, das sich als Kulturgemeinschaft der vielen Kulturen in dem einigenden europäischen Strom versteht.

Fürstenfeldbruck, 30. September 2011

Dr. Xaver Brenner

1) Oswald Spengler hat diese Überzeugung vertreten: „Jede Kultur hat ihre eigene Möglichkeit des Ausdrucks, die erscheinen, reifen, welken und nie wiederkehren ... .“ Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. München 1998, S. 29.
2) Huntington, Samuel P.:
Kampf der Kulturen: die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München 1996
3) Opitz, Peter: Vom Konfuzianismus zum Kommunismus, München 1969, S. 18-19
4) Franz Borkenau entdeckte, dass die „Verjüngung der Kultur“ auf Randbevölkerungen von Hochkulturen zurückgeht. Die Verjüngungsprozesse finden in „Zwischenzonen“ statt. Für die Antike waren das „Nordfrankreich, Süddeutschland mit Burgund, Südengland, Lombardei -, in der sich beide Grundelemente bis zur Ununterscheidbarkeit durchdrungen haben.“ Borkenau, Franz: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes. Stuttgart 1984, S. 58 ff.
5) Siehe den Aufsatz von Simone Dietz: Kampf der Kulturen, in: Information Philosophie. Zeitschrift für Philosophie, August 2007, Heft 3, S. 20-26.
6) Freud entwickelt die Prägung durch das Über-Ich als Kulturgewinn, weil es den Aggressionstrieb kanalisiert. Die Prägung vor der kritischen Reflexion ist die Hauptleistung der Kultur und auch das Hauptproblem. „Man darf nämlich behaupten, dass auch die Gemeinschaft ein Über-Ich ausbildet unter dessen Einfluss sich die Kulturentwicklung vollzieht.“ Freud, Sigmund:
Das Unbehagen in der Kultur. in: Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion (Studienausgabe, Bd. IX). Frankfurt am Main 1974, S. 266
7) Siehe Kungfutse: Gespräch – Lun Yü (Übersetzt von Richard Wilhelm), München 1990, S. 37.
8) Siehe dazu: Elias, Norbert:
Der Prozess der Zivilisation. Frankfurt am Main 1990, S. 8.
9) Rousseau, Jean-Jacques:
Vom Gesellschaftsvertrag [1762]. Stuttgart, Reclam, 1977, S. 112-113.
10) Sallust, (geb. 86 v. Chr. bis 43 v. Chr.) In seinem zweiten Brief an Caesar sucht er zu zeigen, dass „Caesar der einzige ist, der das Chaos der Gegenwart noch zum Guten wenden kann.“ Lexikon der alten Welt, Bd. 3, S. 2690
11) Platon:
Apologie des Sokrates, übers. v. Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam, 1989, 29e – 30a.
12) Kant berichtet vom Wirtshausschild eines holländischen Gastwirts. Darauf war ein Friedhof gemalt und darüber stand der Name des Wirtshauses: „Zum ewigen Frieden“. Kant, Immanuel: „Zum ewigen Frieden“ [1795], in: ders.:
Kleinere Schriften zur Geschichtsphilosophie, Ethik und Politik, hrsg. v. Karl Vorländer. Hamburg: Meiner, 1964, S. 117.
13)
Idiótes stammt aus dem Griechischen. Dort war ein Privatmann der von der Teilnahme an den öffentlichen Abstimmungen Ausgeschlossene. Er war kein Vollgrieche in der demokratischen Polis. Ihm fehlten die bürgerlichen Rechte. Er hatte keine Pflichten, durfte aber auch keine Ämter übernehmen. Siehe dazu: Arendt Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1981, S. 39.
14) Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. München 1998
15) Toynbee, Arnold J.: A Study of History. 10 Bde. u. 2 Zusatzbde. London 1934–1954 u. 1959/60; (dt. Übers. d. gekürzten Fassung:
Der Gang der Weltgeschichte. 2 Bde. Zürich 1949 u. 1958)
16) Borkenau sagt, dass Spengler selbst den Monadismus als falsch erkannte, als er den „Zwischenkulturphasen Eigenbedeutung“ gab. Borkenau, Franz:
Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes. Stuttgart 1984, S. 54. Er zitiert dort aus Spengler, Oswald: Frühzeit der Weltgeschichte: Fragmente aus dem Nachlaß. München 1966
17) Toynbee, Arnold J.:
Der Gang der Weltgeschichte. Ebenda S. 374.
18) Huntington, ebenda S. 114
19) Das hat Max Weber in seiner wunderbaren Studie zum Geist des Kapitalismus herausgearbeitet. Weber, Max: „Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist“, in: ders.,
Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 1, Tübingen 1920, S. 163–206.
20) Bonner / Wiggin: Das Schuldenimperium. Vom Niedergang des amerikanischen Weltreichs und die Entstehung einer globalen Finanzkrise, München 2006

 
 
 
   
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