Rundbrief / Aktuelles
Gemeinschaftsvertrag
Neugeburt der Kulturen statt Kampf der Zivilisationen
Die gegenwärtige Situation der Weltwirtschaft
und der Weltfinanzen ist nicht ausweglos. Sie erscheint jedoch so,
weil die Bürger
gelernt haben, die Krisenphänomene unserer Kultur als Zeichen
des Niedergangs zu verstehen. Für diese Fehldeutung gibt es Ursachen.
Sie liegen in einem falschen Verständnis von Zivilisation und
Kultur. Gerät nach dieser Deutung eine Kultur in die Krise, so
geht sie unter ohne eine Chance auf Wiederkehr. (1) Die Ursachen für
dieses apokalyptische Denken liegen in unserem Kulturverständnis.
Nietzsche, Spengler und Toynbee haben dafür die kulturphilosophischen
Muster geprägt. Danach steigen Kulturen ab und sterben, wie andere
aufsteigen, weil sie geboren werden. Als „Theorie der Kulturzyklen“ sitzt
dieses Denkmuster tief im Unterbewusstsein der europäisch-amerikanischen
Kultur. Sie prägt unser Krisenverhalten und hemmt zugleich unseren
Optimismus. Durch Huntingtons These vom „Kampf
der Kulturen“ (2) haben
diese Muster Eingang in die Formulierung der Weltpolitik dieses Jahrhunderts
gefunden. Sie beeinflusste über Bushs Antiterrorpolitik die Kultur-
und Politikbeziehungen des Westens zur übrigen Welt. Diese Politik
ist gescheitert. Die Folgen müssen die Völker tragen. Ihre
Ursachen wirken weiter in der Gier nach Macht und in einer Politik
der Ausgrenzung anderer Kulturen. Die emotionale Basis haben diese
Muster im Kulturpessimismus. Tatsächlich hat Huntington die richtigen
Fragen gestellt, aber die falschen Antworten gegeben. Durch seine kulturelle
Prägung sind daraus Prophezeiungen entstanden. Heute werden sie
durch die Wirklichkeit widerlegt. Die „arabische Kultur“ sucht
den Weg zur Demokratie. Die Kulturgrenzen sind durchlässig und
zu Lerngrenzen geworden. China erlebt einen phänomenalen Aufstieg
durch die Übernahme der westlichen Zivilisationstechniken, versucht
aber gleichzeitig das Aufkeimen der Demokratie in seinen Grenzen zu
verhindern. Zweifellos befinden wir uns in einer komplizierten Phase
der Weltgeschichte. Sie ist gekennzeichnet durch ein weltweites kulturelles
und zivilisatorisches Lernen. Die Neugeburt alter Kulturen ist das
herausragende Phänomen.
In acht Thesen will ich versuchen, die wesentlichen Merkmale dieser
Entwicklung darzustellen. Dabei argumentiere ich gegen die These vom
Kulturverfall, indem ich an die vergessenen Erkenntnisse der Kulturtheorie
des letzten Jahrhunderts anknüpfe.
Meine Grundthese lautet: Kulturen
kommen dann wieder, wenn sie anstelle des Gesellschaftsvertrags,
der vorrangig die zivilisatorischen Elemente
regelt, einen Gemeinschaftsvertrag begründen, der vorrangig
die kulturellen Elemente fördert.
1. These: Weil wir an die
Theorie der Kulturzyklen und an Untergangszenarien glauben, sind
wir nicht
in
der Lage, die
tatsächliche Kraft der
Wiedergeburt von Kulturen zu verstehen. Kulturen kommen wieder. Ihr
Zyklus ist nicht einmalig. Er kann sich wiederholen und er wiederholt
sich gegenwärtig in China und Indien.
Um jedoch in
einen neuen Zyklus zu kommen, müssen alte Kulturen ihre
Erstarrung überwinden. Die kulturelle Erstarrung entstand
durch die Perfektionierung ihrer technischen und organisatorischen,
also ihrer zivilisatorisch Mittel. Das Beispiel China: Die Beamtenherrschaft
(Gentry) in China und ihr hinhaltender Widerstand gegen die Modernisierung
(3) durch westliche Methoden führte am Ende (1912) in den Zusammenbruch
der Mandschu-Dynastie. Es war in der Mitte der chinesischen Gesellschaft
ein Stillstand entstand. Derartige Systeme sind geistig tot, lang bevor
sie politisch abtreten. Doch wenn eine Gesellschaftsform verschwindet,
stirbt noch nicht die Kultur. Kulturen leben länger als Gesellschaften,
obgleich die Zivilisationsmittel der Gesellschaften das technische
und organisatorische Geflecht liefern, durch die Kulturen funktionieren.
Historisch gesehen barg jede kulturelle Krise eine Chance zur Erneuerung
in sich, wenn es gelang die alten gesellschaftlichen Verkrustungen
aufzubrechen. Das führte in einen Prozess der kulturellen Erneuerung.
Anlass und Hilfe boten erfolgreiche andere Kulturen. Ihr Erfolg oder
Sieg über die eigene Gesellschaft war dann die Herausforderung,
die eigene Lage endlich kritisch zu sehen. Entzog sich ein kulturelles
System in der Konfrontation mit der anderen Zivilisation und Kultur
dem Lernprozess, oder wurden die Lernprozesse unterdrückt, so
verschwanden diese Kulturen. Kulturen lernen, indem sie das eigene
Gute bewahren und das bessere Andere importieren oder weiterentwickeln.
China lernte von den Mongolen Dschingis-Chans neue Militärtechniken
und machte aus seinem Nachfolger Kublai-Chan (1214-94) einen chinesischen
Kulturträger. Griechenland, die Wiege der europäischen Kultur
kultivierte durch den Hellenismus Asien, übernahm aber dabei von Ägypten
und Persien sowohl Zivilisationstechniken als auch kulturelles Verhalten.
Zur Zeit der osmanischen Besetzung zog sich die griechische Kultur
auf ihren Gemeinschaftsgeist zurück. Sie verlor in dieser Zeit
aber den Anschluss an die modernen Zivilisationstechniken Zentraleuropas.
Das ist Teil der gegenwärtigen griechischen Krise. Der Widerstand
gegen den Osmanischen Staat hat zu einer kulturellen Grundhaltung gegen
das Staatswesen insgesamt geführt. Die Neugeburt der griechischen
Kultur kann nur über die Erneuerung der Zivilisationstechniken
des griechischen Staatswesens führen.
2. These: Kulturelle Erneuerung
ereignet sich in der Auflösung
von zivilisatorischen und kulturellen Grenzen. Die Grenze wird zum
Ort der Begegnung. Das Innenland wird zum kulturellen Raum, neue Lebenswelten
kennen zu lernen.
Die zivilisatorische Entwicklung ist immer eine innere Herausforderung
für die kulturelle Erneuerung. Zunächst begegnen sich Kulturen
an ihren Grenzen als fremde Lebenswelten. Die Unterschiede in den Lebensweisen
markieren aber nicht nur unterschiedliche Formen des Lebens, sondern
immer auch Auffassungen wie „man“ zu leben hat. Durch ihr
kulturelles Selbstverständnis wirkt jede Kultur als Lebenswelt
nach innen. Sie ändert sich erst dann, wenn sie an ihren Grenzen
das Fremde als Anregung zum Lernen begreift. Die Veränderung erfolgt
zunächst durch den Versuch, erfolgreiche zivilisatorische Ideen
in ihren technischen und ökonomischen Formen zu übernehmen.
Doch jede zivilisatorische Transformation hat sich in der Geschichte
noch nie nur in einer Einbahnstraße ereignet. Auf lange Sicht
verändert sich die reformbereite Kultur durch die Übernahme
und Integration kultureller Verhaltensweisen. Kulturen werden durch
andere Kulturen inspiriert und übernehmen in „Zwischenzonen“ neue
Elemente, die sie aber zuerst als „barbarische“ Lebensformen
verstehen. „Diese in jeder hochintegrierten Kultur vorhandene
Zwischenzone ist die eigentliche Geburtsstätte und Heimat der
neuen Hochkultur.“ (4)
Zivilisation und Kultur sind zwei verwobene, aber doch eigenständige
Bereiche unserer Lebenswelt. (5) Zivilisationen sind
technische, ökonomische
und organisatorische Funktionszusammenhänge. Die Globalisierung
von Märkten durch den Waren- und Geldfluss hat zu einem intensiven
weltweiten Austausch geführt. Sie hat Gesellschaften dadurch verbunden,
dass sie „Zwischenzonen“ des Austausches erzeugte. Auf
der Zivilisationsebene wandern Techniken um die Welt. Auf dieser Ebene
werden ökonomische Strukturen jenseits des kapitalistischen Westens
von ganz anderen Kulturen kopiert und implementiert. Dieser Prozess
verläuft für uns bisher nach den Regeln eines globalen Kosten-Nutzen-Vergleichs
(benchmarking) und der besten Produktionspraxis (best
practice). Die
Zwischenzonen erscheinen zunächst als „Freihandelszonen“,
als Zivilisationsinseln in einer alten Gesellschaft. Als Zivilisationsprozess
erzeugt er neue gesellschaftliche Strukturen in Kommunikation, Verwaltung
und Staat. Als Modernisierungsprozess ihrer
Gesellschaften trifft er auf Individuen und zwingt sie zur Entscheidung
für oder gegen
die neuen Zivilisationstechniken. Der Zwang sich oft von heute auf
morgen für eine derartige Praxis zu entscheiden, ändert an
der Tatsache nichts, dass diese Menschen sich in ihrer Lebenszeit entscheiden
können.
In eine Kultur sind die Menschen
jedoch hineingeboren. Sie erfahren dort Prägungen durch Sprache,
Sitten, Ideologien oder Religion. (6) Diese Prägungen können
sie nicht über Nacht ablegen.
Wie sehr beide Bereiche über die moderne Technik verbunden sind,
zeigt heute jedes Handy. Mit ihm kann ein tibetanischer Mönch
genauso telefonieren, wie ein chinesischer Funktionär. Ein Börsenmakler
nutzt es wie der Philosoph. Die Nutzung eines Zivilisationsinstruments
macht sie nicht zu Mitgliedern einer Kultur. Sie leben zunächst
in ihren Kulturen weiter, begegnen sich aber hier auf einer weltweit
genutzten technisch-zivilisatorischen Plattform. Sie wird zu einer „Zwischenzone“ der
anderen Kultur in ihrem Bewusstsein.
3. These: Kulturen suchen das Gemeinwohl.
Der Staat als geschäftsführender
Ausschuss der Gesellschaft arbeitet im Funktionszusammenhang der Zivilisation.
Vom Staat können wir keine Erneuerung der Kultur erwarten.
Kulturen gehen aus einer ursprünglichen Erfolgsidee hervor. Das
kann Wasserbau und gerechte Verteilung sein (Ägypten und China).
Ohne Gerechtigkeit kann die entstandene
Ordnung jedoch nicht bestehen (Ma´at in Ägypten).
Sie ist das Bindeglied aller Hochkulturen gewesen. Gerechtigkeit bezieht
sich nicht nur auf die Verteilung von
Dingen, sondern auf die Anerkennung und Würde der Menschen („richtige
Gesinnung“ in China (7)). Aufstiegschancen in Hierarchien
sind ein Element der Chancengleichheit. Teilhabe und Teilnahme an der
Macht
im Staat und der Zugang zu den Kulturgütern der anderen.
Gemeinschaften steigen ab, wenn sie ihre ursprüngliche Erfolgsidee
im Laufe der Zeit in eine Überzivilisierung verwandeln. Kant hat
das an der französischen Monarchie unter Ludwig XIV. und seinen
Nachfolgern erkannt. (8) Dort hatte sich ein System luxuriöser
Lebensformen seiner Inhalte entleert. Es hat das Gemeinwohl vernachlässigt,
ja zerstört. Rousseau hat diese Differenz scharfsinnig als die
Auflösung des alten Gesellschaftsvertrags verstanden. In Frankreich
wurde der Gemeinwille (volonté général) zerstört
durch den Sonderwillen einzelner Gruppen (volonté particulièr) (9).
Doch macht Rousseau einen Fehler. Er spricht vom Staat, der zerstört
wird. Das ist aber nicht wahr. Der Staat bleibt, er geht nur in andere
Hände über. Was sich ändert, was verbogen wird und sich
dann in den Untergrund der jeweiligen Kultur flüchtet, das ist
der Gedanke des Gemeinwohls.
Wird der Staat zerstört und die nach Rousseau unzerstörbare
Kultur ins Abseits gedrängt, dann ist die bessere Gesellschaft
degeneriert (décadence). Mit
der Überzivilisiertheit beginnen
Korruption und Dekadenz. Was wir heute eine Systemkrise nennen, hat
bereits Sallust bei der römischen Oberschicht zur Zeit ihrer größten
Erfolge feststellt. (10) Eine Kultur gerät in die Krise, wenn
sich ihre Gründungsidee erfolgreich durchgesetzt hat. Auf ihrem
Höhepunkt
angelangt beginnt der Abstieg. Er beginnt, weil gerade die Elite an
Macht und Geld, an Ruhm und Schönheit mehr glaubt, als an die
Macht der Vernunft und die Sorge um Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit
aufgibt. (11) In der Situation des größten Erfolgs – das
schein paradox – entsteht die wahre Kulturvergessenheit (Amnesie).
Sie beginnt im Glauben, „man“ könne die eigene Größe
verewigen durch die Dinge, die „man“ baut und konsumiert.
Für jede Kultur wird die kommende Zeit zum Problem. In sie hinein
soll der eigene Konsum verewigt werden. Das hat zu allen Zeit zu einer Ökonomie
der Dinge geführt. In ihr arbeitet der Einzelne dann in einem
technisch-ökonomischen Apparat geistlos vor sich hin. Er erinnert
sich nicht mehr an die Gründungsideale seiner Kultur. Schon die
einfache Frage nach dem Sinn ihres Treibens ist für viele bereits
die Störung des Friedens. (12)
4. These: Die Krise ist der Ort
zur Wende in die Verantwortung (apó-krisis).
Kulturen sind in der Lage, vom scheinbaren Untergang einer Hochkultur
zu lernen. Neue Kulturen entstehen an den Kulturgrenzen. Sie transformieren
Kulturgüter und sind Kulturerneuerer. Das Ende ist der Anfang.
Ohne ein Verständnis der eigenen Kultur gibt es kein Verständnis anderer
Kulturen. Damit gilt aber auch: Wer die anderen nicht erkennt, dem
fehlt der Vergleich. Im eigenen Spiegel
sieht man immer nur sich. Klammert man die Erfahrung der anderen Kulturen
aus, so ist man entweder
ignorant oder isoliert.
Beides führt ins Verhängnis. Der
Ignorant will nicht aus anderen Erfahrungen
lernen, weil er glaubt, sowieso schon alles zu wissen. Der Isolationist bemerkt
die eigene Begrenzung (ìdion) nicht,
weil er das Begrenztsein, den Ausschluss der anderen Welt sowieso als
etwas Gutes ansieht. (13)
Huntingtons Theorie vom „Kampf der Kulturen“ ist ignorant
hinsichtlich des kulturellen Lernens. Und sie ist isolationistisch
im oben genannten Sinn, weil sie die eigene Begrenzung als etwas Gutes
ansieht und diesen Ausschluss und die Abschottung noch verstärkt.
Um diese beiden Ziele – Ausschluss vom Lernen und Einschluss
in den eigenen Grenzen – zu begründen, stützt sich
die Theorie von Huntington auf zwei Geschichtsphilosophien. Bei diesen
Kulturtheorien handelt es sich um Oswald Spenglers Der
Untergang des Abendlandes (14) und um Arnold Toynbees A
Study of History (15). In Deutschland
erschien Toynbees Buch unter dem bezeichnenden Titel Der
Gang der Weltgeschichte. Aufstieg und Verfall der Kulturen. Aufgrund
seiner eigenen kulturellen Prägung übernahm Huntington nur
jene Teile, die auch ohne Widerspruch in sein eigenes Weltbild passten.
So machte er die beiden
zentralen Fehler dieser Autoren zur Grundlage seiner Theorie. Gleichzeitig
ignorierte er aber die zwei größten Einsichten von Spengler
und Toynbee. Der größte Irrtum Spengler bestand in der These,
dass Kulturen einen organischen Lebenszyklus hätten. Sie seien
wie eine Monade nach außen geschlossen. Seine größte
Entdeckung bestand in der Einsicht, dass neue Kulturen durch alte Kulturen
lernen und in den Grenzregionen Kulturtransfer stattfindet. (16) Toynbees
größte Erkenntnis bestand in der Einsicht, dass Kulturen
auf Herausforderungen der Umwelt antworten (challenge
and response) und dass sie sich dabei wechselseitig
beeinflussen (Affiliation). Toynbees
größter Irrtum liegt in der Behauptung, die christliche
Religion sei letztlich das Ferment unserer westlichen Kultur. (17)
Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ fasst nun leider
die Irrtümer der beiden zusammen und schließt ihre wirklichen
Erkenntnisse aus. Er spricht von Kulturen als monolithischen Blöcken,
die sich in ihrem Inneren durch die jeweilige Religion definieren,
aber an ihren Grenzen für kulturelle Beeinflussungen undurchlässig
sind. Die Kulturgrenzen werden zu Bruchstellen und Konfliktlinien umdefiniert.
An ihnen finden vorhersehbar Reibungen und Kriege statt.
Die isolationistische Ignoranz Huntingtons arbeitet mit einem absolutistischen
Muster. Sie hat einer imperialen Politik die theoretische Begründung
geliefert und kann es wieder tun. Das Muster steckt in einem zweifachen
Kulturproblem. Jede Kultur sieht sich zunächst als den Mittelpunkt
der Welt, obgleich sie doch immer nur der Mittelpunkt der eigenen Welt
ist. Wer sich aber als absoluten Mittelpunkt sieht, der schließt
die Anderen selbstverständlich auch absolut aus. Statt diese Haltung
zu problematisieren oder gar als geisttötend zu kritisieren, bleibt
Huntington bei seiner isolationistischen Grundeinstellung. Ja, er überträgt
sie auf andere Kulturen, indem er ihnen die gleiche bornierte Abgrenzungspolitik
unterstellt. Das führt zu der Meinung, auch andere Kulturen lassen
sich durch die Übernahme westlicher Technologie nicht in eine „universelle
Kultur“ des Westens einfügen. Die „Modernisierung
stärkt vielmehr diese Kulturen (...) und verringert die relative
Macht des Westens.“ (18) An dieser Stelle zeigt sich die imperiale
Haltung: „Alles oder nichts!“ Sie verkennt den dynamischen
Kulturprozess.
5. These: Zwischen Zivilisation
und Kultur findet der globale Austausch statt. Modernisierung und
kulturelle Identität sind dabei in einem
parallel verlaufenden Lernprozess verbunden und immer aufeinander bezogen.
Ihre Beeinflussung verläuft heute schneller und die Einflussnahme
ist stärker, als das bei Lernprozessen früherer Kulturen
der Fall war.
Wir verschließen uns dem Inhalt dieser Lernprozesse, wenn wir
sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der mechanischen „Beschleunigung“ sehen.
Denken wir im technischen Zeitmuster, dann entwickeln wir kein Verständnis
für die Dauer des kulturellen Einstellungswandels. Kulturelle
Lernprozesse brauchen die richtige, weil einfühlsame Zeit (kairós) für das notwendige Kennenlernen.
Durch unsere Fixierung auf die organisatorisch-technische Modernisierung übersehen
wir regelmäßig, dass andere Kulturen nicht nur zivilisatorische
Techniken, sondern auch demokratische Umgangsweisen erlernen. So die
Anerkennung des Anderen in einer pluralen Gesellschaft. Darin öffnet
die andere Kultur durch ihr Anderssein das Tor zum demokratischen Neuen.
Das betrifft auch „demokratische Kulturen“. Gleichheit
und Andersheit sind Grundelemente der Demokratie. Im technisch-ökonomisch
fixierten Denken des Westens sind diese Elemente des kulturellen Wandels
auch bei uns in den Untergrund gedrängt worden oder für unser
Kulturbewusstsein sogar verloren gegangen.
6. These: Kulturen haben einen
längeren Atem und sie kommen wieder.
Sie integrieren und transformieren das Fremde ins Eigene (China, Indien).
Dabei greifen sie auf ihre Traditionen zurück.
Die Kommunistische Partei Chinas spricht heute von einer „Kultur
der Harmonie“ und bezieht sich dabei direkt auf Konfuzius. Das
ist exakt jener Philosoph, den diese Partei in Maos Spätphase
als das Grundübel Chinas erbittert bekämpfte. Warum dieser
Schwenk? Selbst wenn er rein taktisch motiviert sein sollte, so reflektiert
er doch die kulturelle Erinnerung. Sie ist nicht abgerissen. Will die
KP Chinas überleben, so muss sie eine kulturelle Basis finden,
die sie mit dem Volk teilt. Der Maoismus ist diese Basis nicht mehr.
Insofern ist der Appell an den Gemeinschaftsgeist keine leere Formel.
Er verbindet die zivilisatorische Erneuerung mit der kulturellen. Dass
er sich heute gegen die Demokratiebewegung richtet, ist kein Beweis
gegen die These des Kulturtransfers. Der Transformationsprozess verläuft
nur nicht in den Bahnen, die wir uns eingebildet haben. Er wird eine
neue chinesische Demokratie hervorbringen. Das eurozentristische Bild
einer Weltkultur war imperial. Europa und Amerika wollen eine Weltkultur
nach ihrem Muster bestimmen und möglichst christlich prägen.
Integration bei gleichzeitigem Streben nach eigener Integrität,
das sind heute die Wege und Methoden, mit denen auch alte Kulturen
in ihrem Kampf um Selbstbestimmung zum einen von uns lernen und zum
anderen sich jenseits unserer Bevormundung erneuern wollen.
7. These: Die „Stunde Null“ ist
die Zeit der Kulturerinnerung und Erneuerung. Das Ende ist der Anfang,
weil es die wesentlichen Kulturelemente
mobilisiert und zur Verbindung mit dem Neuen zwingt. Jeden Kulturtransfer
motiviert die Idee der Gemeinschaft!
Franz Borkenau hat den genialen Gedanken vom Ende
als Anfang formuliert.
Jedes zivilisatorische Ende ermöglicht den Neuanfang einer Kultur.
Sie muss allerdings kulturell so stark sein, dass sie die fremden Elemente
in der „Stunde Null“ integrieren kann. Mao zerstörte
in China die alten Gesellschaftsstrukturen. Das Land wurde in einer
Stunde Null auf sich selbst zurückgeworfen und entdeckte – nach
Maos Sturz – die Wurzeln seiner unzerstörbaren Kultur. Das
waren die Gemeinschaftsstruktur und die Tradition des Konfuzianismus.
Der neue Anfang baute auf die Wiedergeburt dieser Kulturelemente, die Übernahme
westlicher Technologie (Zivilisation) und die kulturelle Idee der Beteiligung
der Volksmassen und einer selbstbewussten Arbeiterschaft. Das sind
die kulturellen Reste des Marxismus. Er hat sie mit der rätedemokratischen
Idee, die im Marxismus steckt, nach China gebracht. Der neue Anfang
hat dort seine Basis in der Parallelität der Zivilisationsstränge
und der Transformation der Kulturelemente.
In der sogenannten Stunde Null fallen Völker ganz offensichtlich
auf einfachste, dann aber tragfähige Kulturpositionen zurück,
weil sie in ihnen ihren kulturellen Halt wiederfinden. Das ist vor
allem der Gedanke der Gerechtigkeit in einer
Gemeinschaft der Gleichen.
Dieser Prozess ist wechselvoll und immer mit Rückschlägen
verbunden. Weil wir in ihm stecken und er in unmittelbarer Umgebung
stattfindet, sehen wir mangels Distanz die Notwendigkeiten, aber auch
die Erfolge dieses Prozesses nicht. Chinas Aufstieg aus den Trümmern
ist phänomenal. Er kann uns dabei helfen, die Fehler des Kulturpessimismus
zu überwinden und die wirklichen Einsichten der Kulturtheorie
neu zu nutzen.
Bei diesem historischen Vergleich wird ein Muster deutlich. Die Lernprozesse
bei der Wiedererinnerung der alten Kultur und der Geburt der neuen
Kultur zeigen sich in vier Stufen:
1. Nach der Ausbildung ihrer Gründungsidee in Griechenland ist
die europäische Hochkultur den Weg von der Ethik der Lebenshaltung
(Sorge um das Gute) in den Konsum von Genussmitteln gegangen. Dort
begann der Kulturverfall durch Korruption und Verschwendung, zuerst
in der Oberschicht, dann in der Unterschicht (panem et circenses, Brot
und Spiele). Am Ende erreichte er auch die römische Mittelschicht
der Handwerker und Bauern.
2. Der Absturz, die „Stunde Null“ war für West-Rom
der Zusammenbruch und die Übernahme der Macht durch die Germanen.
Die von ihnen kopierten römischen Lebensformen wirkten aber wie
ein experimenteller „Zwischenraum“. Die Gemeinschaft der
Gleichen und Freien, die Wahl der Anführer hat zum allgemeinen
Wahlrecht in der englischen Revolution geführt.
3. Der Neuaufstieg erfasste ganz
Europa. In Italien entstand die Renaissance. Sie war der bewusste Versuch,
an die griechische und römische
Antike anzuknüpfen. Es entstand eine andere Arbeitsmoral, die
aber nicht auf den protestantischen Norden begrenzt blieb. Sie hat
auch die Kolonisation der USA geprägt. (19)
4. Die Neugeburt nach der „Französische
Revolution“ führte
zu einer vielgliederigen Kulturgemeinschaft in Zentraleuropa. Die neue
demokratische Kultur musste sich
in Europa einen mühsamen Weg
zum Erfolg bahnen. Er war mit Kriegen, Ausbeutung und kultureller Überheblichkeit
gepflastert. Europa ist, wie die USA zu einem „Schuldenimperium“(20)
mutiert. Und doch hat eine Parallelentwicklung in ein Vereintes Europa
geführt.
Die Krise des Westens erscheint als der Anfang in einem Ende. Wir müssen
uns an unsere „Erfolgsgeschichte“ erinnern und aus unseren
Fehlern lernen.
Das Zentrum der Kulturentwicklung ist jedoch weiter gewandert. Ehemalige
Entwicklungsländer haben sich tatsächlich entwickelt. Sollten
sie das nicht? Ob wir es wollten oder nicht, ihr Erfolg mit unseren
Mittel hat zur Veränderung der Welt geführt. Der Zivilisations-
und Kulturtransfer hat stattgefunden, anders als geplant. Aus seinen
Verwerfungen, seinen Modifikationen und seinem Erfindungsreichtum sollten
wir für unsere kulturelle Erneuerung Lehren ziehen.
8. These: Die Neugeburt Chinas
und Griechenlands ist nur durch den Gemeinschaftsgedanken möglich.
China und Griechenland haben die Kulturkreise Asiens und Europas geprägt.
Griechenland gehört zu den Ursprungsländern der europäischen
Kultur. Im alten Athen wurden die ersten demokratischen Kämpfe
ausgefochten. Dieses Athen hat gegen Verschwendung und Korruption erfolgreich
gekämpft. Doch es wurde durch Makedonien überwunden. Im Laufe
seiner Historie hat es die Besetzung durch das Osmanenreich erlebt.
Der osmanische Staat, das waren die Fremden. Die einigende Kultur,
das waren der Clan und die orthodoxe Kirche. Keine Steuern zu zahlen
war ein Akt des Widerstandes gegen die Besatzungsmacht. Nach der griechischen
Befreiung (1863) und spätestens mit der Gründung des modernen
griechischen Staates war das aber kein Widerstand gegen das Fremde,
sondern die Verhinderung des eigenen Aufbaus. Der wurde am Ende auch
noch massiv durch die Übernahme der neoliberalen Wirtschaftspolitik,
ab den 80er Jahren, gestört und führte zur fundamentalen
Krise der griechischen Gesellschaft.
Die griechische Kultur muss sich heute erneuern, indem sie die eigene
Geistesgeschichte reaktiviert und ihre Kultur von falschen, antistaatlichen
Reflexen befreit. Griechenland kann auferstehen, wenn es die Modernisierung
ernst nimmt und sie als ein Projekt der Wiedergeburt des Eigenen unter
Zuhilfenahme der europäischen Schwesterkulturen begreift. Rest-Europa
aber muss verstehen, dass es bei diesem Projekt nicht nur um Geldtransfers
oder die Implementierung von Zivilisationsinstrumenten geht (Finanzwesen,
Aufbau einer effizienten Bürokratie). Das Hilfsprojekt Griechenland
muss getragen sein vom Respekt für eine alte europäische
Kultur, die den Anschluss an sich sucht und sich dabei wiedererfinden
wird.
Europa insgesamt muss einen neuen Gemeinschaftsvertrag entwerfen.
Er wird sich vom Gesellschaftsvertrag Rousseaus an einer entscheidenden
Stelle unterscheiden. Kultur darf er nicht mit Zivilisation verwechseln.
Am Ende muss der notwendige Streit mit der Konsumgesellschaft produktiv
in den Aufbau einer besseren Kultur führen. Ein neuer
Gemeinschaftsvertrag muss demnach das Verhältnis von Zivilisation als dienender
Einrichtung und Kultur als verantwortlicher
Lebensform erneuern. Wir sind am Anfang
eines Weges, der aus dem Ende unserer Verantwortungslosigkeit hervorgehen
muss. Als Privatmann (ìdiótes) ist der europäische
Bürger nicht möglich. Er muss die Gestalt des homo
politikós annehmen und einen existentiellen Neuanfang in Europa wollen. Europa
wird dann zu einem übernationalen Gebilde, das sich als Kulturgemeinschaft
der vielen Kulturen in dem einigenden europäischen Strom versteht.
Fürstenfeldbruck, 30. September 2011
Dr. Xaver Brenner
1) Oswald Spengler hat diese Überzeugung
vertreten: „Jede Kultur hat ihre eigene Möglichkeit des
Ausdrucks, die erscheinen, reifen, welken und nie wiederkehren ...
.“ Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes.
München
1998, S. 29.
2) Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen: die Neugestaltung
der Weltpolitik
im 21. Jahrhundert. München 1996
3) Opitz, Peter: Vom Konfuzianismus zum Kommunismus, München 1969, S. 18-19
4) Franz Borkenau entdeckte, dass die „Verjüngung der Kultur“ auf
Randbevölkerungen von Hochkulturen zurückgeht. Die Verjüngungsprozesse
finden in „Zwischenzonen“ statt. Für die Antike waren das „Nordfrankreich,
Süddeutschland mit Burgund, Südengland, Lombardei -, in der sich beide
Grundelemente bis zur Ununterscheidbarkeit durchdrungen haben.“ Borkenau,
Franz: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der
Entstehung
des Abendlandes. Stuttgart 1984, S. 58 ff.
5) Siehe den Aufsatz von Simone Dietz: Kampf der Kulturen, in: Information Philosophie.
Zeitschrift für Philosophie, August 2007, Heft 3, S. 20-26.
6) Freud entwickelt die Prägung durch das Über-Ich als Kulturgewinn,
weil
es den Aggressionstrieb kanalisiert. Die Prägung vor der kritischen Reflexion
ist die Hauptleistung der Kultur und auch das Hauptproblem. „Man darf nämlich
behaupten, dass auch die Gemeinschaft ein Über-Ich ausbildet unter dessen
Einfluss sich die Kulturentwicklung vollzieht.“ Freud, Sigmund: Das
Unbehagen
in der Kultur. in: Fragen
der Gesellschaft.
Ursprünge der Religion (Studienausgabe,
Bd. IX). Frankfurt am Main 1974, S. 266
7) Siehe Kungfutse: Gespräch – Lun Yü (Übersetzt von Richard
Wilhelm), München 1990, S. 37.
8) Siehe dazu: Elias, Norbert: Der Prozess der Zivilisation. Frankfurt
am Main
1990,
S. 8.
9) Rousseau, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag [1762].
Stuttgart, Reclam,
1977,
S. 112-113.
10) Sallust, (geb. 86 v. Chr. bis 43 v. Chr.) In seinem zweiten Brief an Caesar
sucht
er zu zeigen, dass „Caesar der einzige ist, der das Chaos der Gegenwart
noch zum Guten wenden kann.“ Lexikon der alten Welt, Bd. 3, S. 2690
11) Platon: Apologie des Sokrates, übers. v. Manfred Fuhrmann. Stuttgart:
Reclam,
1989, 29e – 30a.
12) Kant berichtet vom Wirtshausschild eines holländischen Gastwirts. Darauf
war ein Friedhof gemalt und darüber stand der Name des Wirtshauses: „Zum
ewigen Frieden“. Kant, Immanuel: „Zum ewigen Frieden“ [1795],
in: ders.: Kleinere Schriften zur Geschichtsphilosophie, Ethik und Politik, hrsg.
v. Karl Vorländer. Hamburg: Meiner, 1964, S. 117.
13) Idiótes stammt aus dem Griechischen.
Dort war ein Privatmann der von
der
Teilnahme an den öffentlichen Abstimmungen Ausgeschlossene. Er war kein
Vollgrieche in der demokratischen Polis. Ihm fehlten die bürgerlichen Rechte.
Er hatte keine Pflichten, durfte aber auch keine Ämter übernehmen.
Siehe dazu: Arendt Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München
1981, S. 39.
14) Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. München 1998
15) Toynbee, Arnold J.: A Study of History. 10 Bde. u. 2 Zusatzbde. London 1934–1954
u. 1959/60; (dt. Übers. d. gekürzten Fassung: Der Gang der Weltgeschichte. 2
Bde. Zürich 1949 u. 1958)
16) Borkenau sagt, dass Spengler selbst den Monadismus als falsch erkannte, als
er
den „Zwischenkulturphasen Eigenbedeutung“ gab. Borkenau, Franz: Ende
und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des
Abendlandes. Stuttgart 1984, S. 54. Er zitiert dort
aus Spengler, Oswald: Frühzeit
der Weltgeschichte: Fragmente aus dem Nachlaß. München 1966
17) Toynbee, Arnold J.: Der Gang der Weltgeschichte. Ebenda
S. 374.
18) Huntington, ebenda S. 114
19) Das hat Max Weber in seiner wunderbaren Studie zum Geist des Kapitalismus
herausgearbeitet.
Weber, Max: „Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist“,
in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd.
1, Tübingen
1920, S. 163–206.
20) Bonner / Wiggin: Das Schuldenimperium. Vom Niedergang des amerikanischen
Weltreichs
und die Entstehung einer globalen Finanzkrise, München 2006