Seminar für Lebensphilosophie
Philosophie hat es mit dem Leben zu tun. Mit
unserem Leben, wie wir es in der Welt erleben, wie wir es mit anderen
in der Mit- und Umwelt gestalten. Philosophie als Ertüchtigung zum
Leben befasst sich, nach diesem Verständnis, mit existentiellen Problemen.
Sie versteht sich als ein offenes Angebot zum Gespräch. Philosophische
Veranstaltungen nach meinem Verständnis sind Orte der geistigen Begegnung.
Die „Sorge um die Seele“ (Sokrates) 1) steht
im Zentrum. Es geht der sokratischen Philosophie um den Einzelnen.
Ihm stellt sie
den Schatz der Überlieferung zur Verfügung. Das Seminar für Lebensphilosophie sieht
sich in der Tradition der sokratischen Existenzphilosophie. Es will
ein Ort offener Begegnung sein, und damit Raum bieten für die
dynamische Öffnung unseres kulturellen Erbes.
Dieses Erbe braucht Erbschaft,
also Menschen, die mit Gewinn Fragen stellen und für ihre Existenz
nützliche Antworten suchen. Damit ihre Fragen nicht im offenen Raum
der Gesellschaft verhallen, ist Resonanz nötig. Die aber muss gesucht
und kann gefunden werden. Der philosophische Diskurs, wie ihn Sokrates
begonnen hat, bietet dafür den besten Weg.
Der philosophische Diskurs
ist eine Aufforderung an das Individuum, aus der Person die wir sind,
zur Persönlichkeit zu werden. Damit ist die sokratische Methode weit
mehr als ein System. Sie ist eine Lebensform.
Die Form aber fragt immer
nach dem Inhalt. Für seine Entwicklung will das Seminar für Lebensphilosophie eine offene Plattform bieten. Es will Raum schaffen für die Wiederentdeckung unseres kulturellen Erbes und seiner schöpferischen Weiterentwicklung.
Weil sich der Weg nicht einfach zeigt, muss um ihn gestritten werden: „Der
Streit (pólemos) ist der Vater aller Dinge.“ (Heraklit) 2)
Weil wir aber oft nicht richtig streiten, so führt das am Ende
zum Krieg, im privaten, wie im gesellschaftlichen Leben. Die Suche
nach
dem richtigen Weg bedarf der intensiven Kommunikation. 3) In unserem
Fall zwischen den philosophischen Freunden.
Jeder
ist dabei der Lehrer und
jeder der Schüler des Anderen. Es geht um gegenseitiges Lernen,
nicht unterdrückendes Belehren. Wir lernen nur, wenn
wir unbefangen fragen und mit starren Regeln brechen. Dabei stoßen
wir unweigerlich auf unsere Vorurteile. Sie sind ein
Element unseres erinnernden Denkens. Wir haben
Erfahrungen gemacht. Sie haben sich in unseren Urteilen niederschlagen.
Niederlagen wie Erfolge gehen gleichermaßen in unsere Lebenserfahrungen
ein. Leider verfestigen sie sich auch. So werden sie zu Werturteilen,
die wir all zu oft nicht mehr hinterfragen.
In ihrer Verhärtung verlegen sie den Weg in die offene Zeit. Sie führen
zu Vorbehalten gegen das Leben, wie es gelebt werden sollte, damit es erlebt
und nicht nur erlitten
wird. Nur durch die Bewusstmachung können wir unsere Vorurteile zur Seite
stellen. Mit dieser Methode suchen wird das gelingende Leben. Doch das
führt
an einen paradoxen Scheideweg: Wir stehen im Nach-denken über
unseren bisherigen Lebensweg und werden doch gleichzeitig zum An-denken der offenen Zeit veranlasst.
Erst
in dieser Spaltung werden wir uns der Gegen-wart bewusst. Ihr Jetzt ist
die Zeit und ihr Hier gibt den Raum in dem wir unsere Lebenserfahrung machen.
Als Zeit-Raum ist er die Gegenwart, in der wir uns gestalten müssen.
Ein philosophischer
Freundeskreis ist eine lernende Gemeinschaft.
Solcher Aufbruch zum philosophischen
Denken setzt
die kreative Energie der Beteiligten voraus. In ihr wird der Lehrer nicht
mehr Lehrer und die Schüler werden nicht mehr Schüler sein. Erst dann
beginnt etwas zu werden, was noch nicht war, aber immer wird, weil die
philosophische
Erfahrung
und ihre schriftliche Erbschaft nur noch Anlass sind. Sie sind der Anlass
für
die Entfaltung jener Dynamik, die Kierkegaard beschrieben hat: „Sokratisch
gesehen ist jeder Ausgangspunkt in der Zeit sowieso etwas Zufälliges,
Verschwindendes, ein bloßer Anlass; mehr ist der Lehrer auch nicht, und
gibt er sich und sein Wissen auf eine andere Weise hin, dann gibt er
nicht, sondern nimmt,
dann
ist er nicht einmal des anderen Freund, geschweige denn sein Lehrer.“ 4)
In diesem
Sinne arbeiten wir seit Jahren an der Rekonstruktion zentraler existentieller
Fragestellungen,
die mit der sokratischen Art und Weise des Philosophierens verbunden
sind. Im Vordergrund steht die Verbindung von Lernen und Zeit.
Wir kennen die
Zukunft nicht, weil wir, wie Sokrates sagt, nicht weise sind: „Ich
weiß (sýnoida),
dass ich nicht weise (sophòs) bin!“ 5)
Weil wir nicht
weise sind, weil wir deshalb auch die Zukunft nicht kennen, sind wir gezwungen,
uns
die Gegenwart fühlend und denkend zu erarbeiten. Damit steht Philosophie
gegen jeden Dogmatismus und Fundamentalismus. Die Geschichte Europas hat
uns gelehrt:
Wer die Wahrheitsfrage stellt, der hat meist den Dogmatismus schon im Marschgepäck.
Intoleranz, Bevormundung, Denkverbote, das waren in der abendländischen
Tradition die Ergebnisse solch dogmatischer Haltungen. Toleranz, Freiheit
und Selbstentwicklung
setzen voraus, dass wir uns nicht aus kosmischer Perspektive oder absoluten
Ideen bestimmen.
Die Freiheit des Denkens geht vom Menschen
aus.
Sie ist der Grund
und auch das Problem, auf dem wir stehen. Wären wir vorbestimmt durch
die Gene, so hätten wir weder das Freiheitsproblem, noch das Problem
der Entscheidung durch Handeln. Weil wir aber Handeln müssen, stehen
wir in der Entscheidung zwischen Alternativen. Wir suchen so das
gute Handeln (eu práttein). „Niemand
fehlt freiwillig!“ 6) Für sich will
jeder
das Gute. Was aber das Gute für uns und unsere Gemeinschaft
ist, das wissen wir nicht ungeprüft.
Darüber hinaus wird unser Handeln von Gefühlen begleitet.
Was wir sorgend
tun, wird fühlend mitbestimmt. Wir werden durch seelische
Eigenschaften geleitet. Doch leider betrachten wir unsere Eigenschaften
als Wesensmerkmale,
als Charaktere (gr. das eingeprägte Zeichen
/ Muster). Das ist grundfalsch! Der Charakter
ist veränderbar! Kein Lebewesen ist einerseits so instinktarm wie
der Mensch, und andererseits durch seine Sozialisation doch wieder
so sehr beeinflussbar.
Was
uns an Natur fehlt, das müssen wir durch Kultur ersetzen. Die Kulturprägung
verschafft uns aber keinen Naturcharakter. Zu diesem Fortschritt
an Einsicht sind wir durch
die moderne Anthropologie 7) gekommen.
Jeder von uns
ist nicht nur eine Individualität, ein einmaliges Wesen (Leibniz).
Jeder von uns ist vor allem durch seine psychische Struktur eine
unverwechselbare
Person.
Ihre Freiheit gerät in Konflikt mit den Menschen im Rahmen der künstlichen Mitwelt,
die nach normierten Ansprüchen funktioniert. Brechen Krisen auf,
greifen die Einzelnen spontan nach ihren Alltagserfahrungen. Liefern
auch sie keine
praktikablen Lösungen,
so werden die Probleme häufig erst einmal verdrängt.
Abbruch oder
Aufbruch im Lernverhalten.
Der Verlust an Umsicht führt zum Abbruch unseres Lernverhaltens.
Im Rückgriff
auf das Charaktermodell wird dann erklärt: „Ich kann nicht
anders. Ich bin halt so.“ Das eigene Selbst wird zum Charakterschicksal
umgebildet. Doch nach einiger Zeit und zusätzlichen Nöten schaut
urplötzlich
der verlorene Wille wieder um die Ecke. Er taucht auf in der Form
der Not-wendigkeit.
Nun will ‘man’ oder muss ‘man’ doch
die Not wenden.
Das Charaktermodell wird dann in der Praxis über Bord geworfen.
In langjähriger
Beratungspraxis, bei Coaching und in Rhetorikkursen habe ich bei
meinen Klienten immer wieder erfahren, dass sie sich ändern wollen.
Das Problem aber ist, sie glauben nur in ihrer Lebenspraxis an
die Veränderung. Im
Hintergrund steht jedoch noch immer die Theorie von der Unveränderbarkeit
des Charakters. Haben sie die ersten Schritte getan, atmen sie
wieder freier, so taucht der
Wunsch nach Belehrung
wieder auf. Man fragt nach Patentrezepten, sucht nach fertigen
Modellen und würde
sich am liebsten ein Modul in den Kopf setzen lassen. 8)
In dieser Form kehrt das Charaktermodell wieder zurück. ‘Man’ will
die Einsicht gelehrt bekommen. Belehrung wird gefordert. Doch dem
Einzelnen
ist damit nicht
geholfen. In der
Realität der Mit- und Umwelt werden angelernte Muster sehr schnell
als Fassade erkannt.
Der Weg von der Person zur Persönlichkeit
führt nicht an der Selbstveränderung
vorbei. Alle Veranstaltungen im Rahmen des Seminars für Lebensphilosophie
setzen den Willen zur Selbstveränderung voraus. Der Weg zum eigenen
Selbst braucht die sokratische Einsicht: „Erkenne dich selbst!“ 9)
Alle Veranstaltungen des Seminars für Lebensphilosophie sind
deshalb Lernangebote. Sie wollen nicht belehren, sondern den
Weg von der Person
zur Persönlichkeit
begleiten. Als philosophischer Begleiter stelle ich
Ihnen meine Kenntnisse und Erfahrungen zur Verfügung. Dabei stoßen
wir an unsere Grenzen. Gerade dabei machen wir die besten Erfahrungen
und Fortschritte,
wenn wir sie
erkennen und nicht
verdrängen. Hier erfahren wir, lernen ist nur dort möglich, wo
wir Grenzen verschieben. Das aber führt uns an neue Grenzen heran.
Hinter jedem Horizont taucht ein neuer auf. Die Lust am lebenslangen
Lernen,
die Freude am fortgesetzten
Gestalten des
eigenen Selbst kann diesen Zeit- und Raumgewinn zu einem Erlebnis
machen, das wir schließlich nicht mehr missen wollen.
Weil Lernen
all zu oft als kurzfristige Krisenintervention verstanden wird,
sehen viele in der These
vom lebenslangen
Lernen nur eine Phrase. Wir müssen zu einer Ästhetik des Wissens
zurückfinden.
Wenn Sokrates sagt: „Die Tüchtigkeit der Seele ist ein Wissen!“ 10)
so hat er die Schönheit des Geistes im Sinn. Es
geht ihm nicht um die praktischen Wissenschaften, so wichtig
sie im Einzelnen
für
das tägliche
Leben sind. Es geht um die geistige Gestalt, die wir uns nur
selbst geben können. Sie aber gewinnen
wir nur durch gemeinsames Lernen, weil wir soziale Wesen in einer
Lebenswelt sind.
Ihr / Euer Dr. Xaver Brenner
München, 12. Dezember 2006
_____________
1) Platon: Apologie des
Sokrates, Stuttgart 1986 (Übersetzung Fuhrmann) 29 e 2, 30 b 2
2) pólemos, gr., = Streit, Krieg.
In der deutschen Tradition wurde pólemos immer nur mit Krieg übersetzt.
Dabei steht bei Heraklit der bewegende Zusammenhang im Zentrum. Und das
ist der Streit. Fragment 53. Capelle: Die Vorsokratiker, Stuttgart 1968,
S. 135, übersetzt: „Kampf ist der Vater von allem (…)“. Hermann
Diels hat in der Tradition des 19. Jh. den Satz mit Krieg übersetzt: „Krieg
ist aller Dinge Vater, aller Dinge König.“ Das war verhängnisvoll.
3) Jaspers,
Karl: Einführung in die Philosophie, München 1989, S. 93
4) Kierkegaard,
Søren: Philosophische Brocken, Frankfurt am Main 1984, S. 13
5) Platon: Apologie, 21 b
6) Platon: Protagoras 351 b, Gorgias 509 e,
Euthydemos 278 e
7) Erinnert sei hier an die Werke von Arnold
Gehlen, Helmuth Plessner und auch Hans Georg Gadamer.
8) Diese Maschinenphantasie
geht bei den Jugendlichen heute bis zum Computerchip im Kopf.
9) Platon:
Apologie 21 b ff
10) Platon:
Apologie 20 d