Exposé
Sein oder Werden
Die zweite Einwanderung in die Welt
(Arbeitstitel)
Es gibt ein zentrales Dogma der griechischen
Philosophie, das auf Platons Lebenswerk zurückgeht. Nach diesem Dogma
ist er der legitime Nachfolger seines „Lehrers“ Sokrates. Es besagt,
dass die sokratischen Aporien im genialen Wurf der Ideenlehre überwunden
werden, die im Kern durch Sokrates selbst vorbereitet wurde. Dieses
Dogma hat dazu geführt, die sokratische Existenzphilosophie vollständig
zu verdecken.
Es hat dazu geführt, das Werden in das Sein zu überführen. Es hat die neue existentielle
Subjektivität in die logische Strukturobjektivität der Ontologie überführt (der
Riesenkampf ums Sein). Es hat letztlich verhindert, die offenliegenden Differenzen
zwischen Sokrates und Platon produktiv zu nutzen, um die Fragen nach dem ironischen
und aporetischen Charakter wirklich zu stellen. Fällt dieses Dogma, so zeigt
sich, dass die sokratische Philosophie mit dem suchenden Menschen in der Offenheit
der Grenzsituation steht. Der sokratische Mensch ist dann er selbst, weil er
geworden ist, was er nicht war. Diese Selbstpraxis ist jetzt seine Selbstschöpfung.
Das ist der revolutionärste Schritt des Sokrates: das Gut-werden, die Besonnenheit,
die Gerechtigkeit, die Tapferkeit und die „Weisheit“, als Selbsterfahrung zu
verstehen.
Sokrates ist kein Platon in spe. Sokrates entwickelt
eine existentielle Philosophie des Gut-werdens (Agathogenesis), während Platon eine Philosophie
des Gut-seins (Ontologie) konstruiert. Die von Kuhn formulierte „platonische
Differenz“ besteht also in Wahrheit nicht zwischen dem „Guten und dem Sein“,
sondern zwischen dem Gut-tun der menschlichen Selbstschöpfung und dem Gut-sein der göttlichen Schöpfungsidee.
Diese zwei kulturprägenden Paradigmen Europas sind auf engstem Raum und in denkbar
kürzester Zeit entstanden: sokratische Existenzphilosophie und platonischer Idealismus.
Sie haben sich wechselseitig durchdrungen, wobei der Platonismus die sokratische
Existenzphilosophie überformt. Das Paradigma des Seins (Ontologie) hat über das
existentielle Paradigma des Werdens (Agathogenesis) den Sieg davon getragen.
Das Buch SEIN ODER WERDEN entdeckt die sokratische
Ethik als Selbstgeburt des Menschen und als erste Existenzphilosophie
wieder.
Kierkegaard und Popper haben
damit begonnen, die Umkehrung der sokratischen Ethik in die platonische
Ideenlehre aufzuzeigen. Diese Arbeit wird hier weitergeführt. Das Verhältnis von Logik als
Werkzeug und Ethik als Einsicht in die Struktur der Existenz des menschlichen
Lebens muss richtig gestellt werden. Nur so entsteht wieder die tatsächliche
sokratische Reihenfolge.
Platons Philosophie spricht vom Wissen der göttlichen Weisheit. Sokrates vom
menschlichen Nichtwissen. Es ist eine von Platons folgenschwersten Leistungen,
den Gegensatz zwischen seiner Ideenlehre und der originär sokratischen Philosophie
verdrängt und sie geradezu in ihr Gegenteil verwandelt zu haben. Sie hat die „Wissenschaft“ ermöglicht,
aber die „sokratische Ethik“ fast völlig dem Vergessen anheimfallen lassen.
Sokrates
entwickelte seine Ethik als Existenzphilosophie. Seine Vorstellung
vom lebenslangen Prozess des Werdens ist offen, sein Ausgang immer
ungewiss. Sicher ist nur der
schöpferische Grundsatz: „Jeder will für sich das Gute.“ In der Selbstpraxis
des inneren Augenblicks (kairos) entsteht die Verantwortung (apó-krisis) für
das Leben. Leben nimmt im menschlichen Eigen-sinn seinen Ausgang (exérchomai).
Im Eigen-sinn konfrontiert der Mensch seine Bedürfnisse mit seiner Erfahrung,
um seine offene Zukunft zu gestalten: „Niemand fehlt freiwillig!“
In seiner widersprüchlichen
Praxis lernt der Mensch sich kennen. Weil er sich nicht kennt und ihm ein Wissen
seiner Praxis noch fehlt, muss er sich in dieser Praxis in freier Schöpfung selbst
erfinden. Dieses schwierigste sokratische Paradoxon löst Sokrates durch sein
dialogisches Verfahren, das seine Gesprächspartner vor ihr eigenes Inneres stellt.
Dort zieht er sie in ein prüfendes und selbstschöpfendes Verfahren (Elenktiké und
Mäeutik) hinein, durch das sie die Grenze ihres Existierens durchbrechen und
zu ihrer Existenz (exestasía) kommen. Als unbewusste Sehnsucht „besser zu werden“ ist
dieser Vorgang bei allen Menschen angelegt und eine Quelle ständiger Beunruhigung,
aber auch beständiger Suche nach dem eigenen Guten. Im Hier und Jetzt dieses
schöpferischen Begehrens (èpithýmema) wirken die Götter nicht. So ist der Mensch
zur Selbstschöpfung gezwungen. Sokrates, der die Götter nicht verleugnet, bezweifelt
jedoch, dass es ein Wissen über sie und die Zukunft gibt. Für dieses Sakrileg
wurde er zum Tode verurteilt.
Platons Ontologie geht vom Wissen der Zukunft
aus. Sein Menschenbild ist um eine konstruktive Hoffnung gebaut:
Wir wollen sein,
wie wir uns wünschen, und wir wünschen uns so, als würden wir nie vergehen. Die
platonische Idee vom Sein nimmt diesen Wunsch auf, spiegelt ihn in den Ideenhimmel
und suggeriert dadurch ewige Gewissheit und andauernde Sicherheit.
In der „großen Rede vom Sein“ lebt der Mensch ein zweites Mal in den Ideen auf,
weil er nicht wirklich in sich lebt. Die platonische Ontologie umgeht die Frage
nach dem guten Leben durch die einseitige Orientierung auf das gute Staatswesen.
Durch diese Transformation verwandelt sie das Gute in ein abstraktes Gutes (die
Sonne im Höhlengleichnis).
Die sokratische Selbstpraxis steht dazu im Gegensatz.
Sie stellt die ethische Lebensaufgabe als Gut-werden in den Vordergrund.
Meine
Argumentation spiegelt sich in folgenden Themenkomplexen:
Menschliches
Wissen ist nicht göttliche Weisheit. Nur in der Rückführung auf die Gegenwart in seinem
Selbstwissen entsteht der wirkliche Mensch.
Lernen (manthánein) steht deshalb im Gegensatz zu Lehren (didáskein). Der Lernprozess
erzeugt eine innere Aufgeschlossenheit, in der die Schöpfung von Ideen aus eigener
Erfahrung erst möglich wird.
Der Lernprozess setzt ein unmittelbares
Verhältnis zur Zeit voraus. In der persönlichen
Erfahrung entsteht das Wissen des Augenblicks, als wissender Rückblick, aber
auch verzweifelter Vorausblick: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“
Sokrates wird
im Selbstprozess mit sich zu seinem inneren Daimon geführt. Im Daimon findet
sich kein Wissen über die Zukunft. Als Selbstpraxis enthält er aber die vernetzende
Wahrheit der gemachten Erfahrung. Aus diesem Gang-zum-inneren-Wissen wird später
das christliche Ge-wissen.
Du musst es selbst tun! Du musst dich erfinden!
Sokrates stellt sich damit auch gegen das traditionelle Wahrsagen
Delphis und verwandelt
seinerseits den delphischen Wahlspruch: „Erkenne dich selbst“ in das sokratische
Orakel der Selbsterfindung. Platons Lösung lautet auch hier: die Ideen finden.
Sie sind schon da. Sie sind verborgen.
Sokrates staunt (thaumázein), weil er in die Welt etwas hineinschaut, also in
sie das menschliche Begehren nach dem Guten hineinlegt. Das platonische Wundern jedoch transformiert den staunenden Sokrates und verwandelt ihn nach und nach
in einen passiven Empfänger göttlicher Botschaften.
Sokrates sucht den Mitbürgern durch sein prüfendes und fragendes Verfahren die
Krise vor Augen zu führen, in der sie sich schon immer befinden. Jeder erfährt
im Laufe seines Lebens Wachstums-, Transformations- und Trennungskrisen. Sokrates
entwickelt kein Erziehungsmodell, wie Platon in der „Politeia“.
Wiedergeburt oder Wiedererinnerung (Anamnesis)? Platon transformiert auch hier entsprechend
seinem Ideenprogramm die Wiedergeburtsfrage zum Wiedererinnerungsthema (Dialog
Menon). Genesis als gegenwärtige Schöpfung wird verdrängt zugunsten von Erinnerung an ewige Vorbilder. Mit dieser Form der Wiedererinnerung wird Platon zum Begründer
der Metaphysik.
Analog den Initiationsprozessen entwickelt Sokrates das Absterben
des alten Wissens und die Einführung in die Schöpfung von neuer Existenz durch
Selbstprozesse. Wiedergeboren wird nie der alte, sondern immer der neue Mensch.
Die Grundthese dieses Buches lautet: Platon hat
die Wissenschaft ermöglicht,
die sokratische Ethik aber zerstört. Eine Renaissance der sokratischen Ethik
ist nötig und möglich.
Textauszug 1
Die sokratische
Ironie und die Offenheit der Existenz
Was wir mit Sokrates verbinden, ist die „sokratische Ironie“. Kierkegaard glaubte
sogar, in ihr den Schlüssel für seine Philosophie zu finden. Die Fragen des „Ironikers
Sokrates“ sind für ihn die Methode, sich jeder Festlegung zu entziehen, um in
die „göttliche Unendlichkeit“ einzutauchen. Dies sei „echt sokratisch“, ein wahrer „Gottesdienst“ [1:
Kierkegaard, Sören: Über den Begriff der Ironie, München 1998, S. 39]. Mit diesem
christlichen Muster wird die Offenheit der Existenz an der Grenze der Zeit zurückgenommen.
Nun steht der unwissende Mensch vor der absoluten göttlichen Erkenntnis. Das
Tor zur Zeit ist mit diesem Gottesbild wieder verschlossen. Jede menschliche
Einsicht wird hier für Kierkegaard zur Einsicht der Unwissenheit, denn Gott kann
man nicht wissen. Aus diesem Grunde enden für Kierkegaard alle sokratischen Dialoge
auch ohne Ergebnis, eben in der „sokratischen Aporie“. Die Pointe dieser Interpretation
liegt nun darin, aus Sokrates einen Vordenker Jesu Christi zu machen. Die „Ironie“ sei
die Form, in der Sokrates das „wissende Unwissen“ vor der Weisheit Gottes ausdrückt. „Dass
dies echt sokratisch ist, wird gewiss jeder zugeben; platonisch dagegen wird
es nie.“ [2: Kierkegaard, Sören, ebenda, S. 40] Das sei Sokrates Hauptleistung
und begründe die zentrale Bedeutung seiner Philosophie. [3: Kierkegaard, Sören,
ebenda, S. 29 und S. 35]
Gehen wir die Frage der Ironie konkret an, so
begegnet uns der Ironiker als ein Mensch, der sich jedem Antreffen
entziehen will und
jegliche Festlegungen vermeidet. Immer auf der Flucht, ist die unverbindliche
Rede sein liebster Aufenthalt. Wir nehmen an, ein solcher Mensch weiß mehr, als
er sagt. Was er weiß, versteckt er möglicherweise, weil er glaubt, solches Wissen,
einmal ausgesprochen, könnte ihm gefährlich werden. Nach dieser Vorstellung ist
der Ironiker ein furchtsamer Spieler. In der Andeutung zeigt er sich als Wissender,
in der Festlegung entzieht er sich als Unwissender. Sein erstes Verfahren lockt
mit dem spekulativen Hoffen, er könnte einem sagen, was man nicht weiß. Sein
zweites Verfahren ironisiert am Tor der Hoffnung die Probleme des Lebens, indem
er andeutet, er wisse doch nichts Wirkliches, auf alle Fälle sei alles wirklich
nicht so ernst gemeint!
War Sokrates ein solcher Ironiker? Thrasýmachos erhebt diesen Vorwurf. Im Streit über
Macht und Gerechtigkeit unterstellt er Sokrates Ironie als bewusste Verstellung
in diabolischer Absicht. [4: Platon: Politeia. Erstes Buch der Politeia, 337
a.] Sein „Nichtwissen“ sei nur nach außen hin zur Schau getragen. Sokrates wisse
in Wirklichkeit genau, worauf er hinaus wolle. Weil er sich aber angesichts der
Machtfrage verstecke – das suggeriert Thrasýmachos –, sei das nur ein Zeichen
von Feigheit. In Wahrheit verberge sich dahinter ein Charakterfehler: [5: Landmann,
Michael: Elenktik und Mäeutik. Exkurs: Die sokratische Ironie, Bonn 1950, S.
19] „Da haben wir die gewohnte Verstellung (eirôneía) des Sokrates. Ich wusste
schon und sagte es den anderen voraus, dass du nicht antworten wollen, sondern
den Nichtwissenden (eirôneúsoio) spielen würdest und eher alles andere tun als
antworten.“ [6: Platon: Politeia. Erstes Buch der Politeia, 337 a. Landmanns Übersetzung
trifft den Sinn besser. Die Übersetzung von Schleiermacher nimmt den ironischen
Ton der Komödie und unterlegt ihn der Übersetzung. Das ist oft sehr schön, aber
verdeckt leider auch oft den wirklichen Sinn. „O Herakles, das ist ja jene bekannte
Verstellung (eirôneía) des Sokrates! Aber das habe ich auch diesen schon vorhergesagt,
daß du gewiß nicht würdest antworten wollen, sondern wieder Rückhalt suchen in
der Verstellung (eirôneúsoio) und eher alles andere tun als antworten, wenn dich
einer fragte.“ (337a)]
Mit dem Vorwurf der Ironie unterstellt Thrasýmachos, dass die tatsächliche Erklärung
Sokrates nur eine Flucht in die Unverbindlichkeit sei. Nach diesem Muster ist
derjenige, der sich nicht festlegt, ein Lügner, während derjenige, der sich festlegt,
die Wahrheit spricht. Sokrates kennt diesen Vorwurf und auch den Drang der Menschen,
sich auf ungeprüfte Standpunkte festzulegen. Er spielt den Ball zu Thrasýmachos
zurück, denn der behauptet ja zu wissen, was Gerechtigkeit sei: „Wie soll man
denn antworten, mein Bester, sagte ich, wenn man erstens nicht weiß und auch
zugibt, dass man nichts weiß, und wenn einem, zweitens, selbst dann, wenn man
eine Meinung hat, verboten wird, seine Ansicht mitzuteilen, und zwar von einem
hochbedeutenden Manne? Es ist also weit eher an dir zu reden; du behauptest ja,
es zu wissen und es sagen zu können. So tu es also: antworte mir zuliebe und
gönne dem Glaukon und den anderen die Belehrung.“ [7: Platon: Politeia, 338 a]
Die sokratische Unwissenheit wird von Thrasýmachos nicht als wirkliches Fragen
verstanden, sondern als trickreiche Methode betrachtet. Sokrates wird der übliche
Kampf der Meinungen unterstellt. Die rhetorische Auseinandersetzung besteht darin,
eine These zu behaupten, nicht um sie in Frage zu stellen, sondern um sie unter
allen Umständen durchzusetzen. Der Sieg ist wichtiger als der Erkenntnisgewinn.
Der übliche Dogmatismus der Meinung operiert in einem geschlossenen System. Er
ist nicht wirklich offen. Er verteidigt nur, um anzugreifen. Und vor allem stellt
er sich selbst nie in Frage. Weil Thrasýmachos nur diese Methode kennt und so
diskutiert, verwundert es nicht, dass er die fragende Position „vom Wissenden
lernen“ [8: Platon: Politeia, 337 a] selbst wieder nur als Täuschung versteht.
Zum Kern dieses Verfahren gehört der Angriff. Man unterstellt der Gegenseite,
dass sie genau das tut, was man selbst praktiziert. Die fragende Methode sei
nur ein Trick, die offene Meinung nur Schein, die Suche nach der Wahrheit verberge
nur das eigene Dogma. Diese rhetorische Unterstellung hat einen Namen: Sokratische
Ironie.
Platon hat genau diese These von der „sokratischen Ironie“ übernommen. Das überrascht
und verwundert. Zwangsläufig drängt sich doch die Frage auf, worin denn die Übereinstimmung
mit einem erklärten Sokratesgegner wie Thrasýmachos besteht? Die Lösung auf diese
rätselhafte Frage liegt in der zentralen These der „Ironie“ verborgen. Von beiden
Parteien wird nämlich behauptet, dass Sokrates in Wirklichkeit die „Wahrheit“ schon
wisse, sie aber nicht sage. Platon macht aus Sokrates einen Ironiker höherer
Ordnung.
Bei allen Differenzen sind sich Platon und Thrasýmachos in diesem Punkte also
einig: Dass diese Übereinstimmung zunächst nicht auffällt, liegt in Platons These
vom göttlichen Ursprung des „Wissens“ [9: Platon: Philebos, 16 c 5–6. Im Mythos
sei die „Gabe der Götter an die Menschen“ enthalten (theón eis anthrópous dois).
Siehe dazu Pieper, Josef: Über die platonischen Mythen]. Für ihn gibt es „Ur-Wissen“ als
ewiges, göttliches Wissen. Platon suggeriert, dass sein Sokrates das „Wissen“ schon
besitzt, weil es ihm die Götter geschenkt haben. Dass er es nicht sagt, zumindest
nicht gleich, wird als pädagogischer Trick dargestellt. Sokrates diesen pädagogischen
Trick zu unterstellen, entwertet seine Position. Dort, wo wir annehmen können,
dass Sokrates selbst spricht – in der Apologie nämlich – gibt es an keiner Stelle
einen derartigen pädagogischen Trick.
Ganz im Gegenteil wird „Nichtwissen“ als die existentielle Grundeinstellung des
Lebens vorausgesetzt. Diese Offenheit des Lebens im Angesicht der Zukunft ist „Ungewissheit“.
[10: Siehe dazu auch Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie I., S. 460 ff.
Hegel lehnt es ab in der „Ironie das allgemeine Prinzip“ des Sokrates zu sehen.
Das sei eine „Wendung der Fichteschen Philosophie“. Wenn, dann müsse man von „tragischer
Ironie“ sprechen. In ihr kommt der Konflikt zwischen dem „subjektiven Reflektieren“ des
Sokrates und der „bestehenden Sittlichkeit“ im athenischen Staat zum Ausdruck.]
Die Zeit und die Räume im Jenseits sind noch nicht erschienen (phainesthai) und
werden als solche für Sokrates auch nicht in Erscheinung treten. Die Gegenwart
muss sich erst einstellen und ein Ereignis werden. Damit sich die Gegenwart für den Menschen selbstgelenkt ereignet, dazu bedarf es für Sokrates der menschlichen
Offenheit. Der Einzelne muss sich den Fragen der Zeit in seiner Lebenspraxis
stellen. In dieser Offenheit ist das menschliche Leben nicht vorgeformt. Es gibt
eine menschliche Einmischung. Dazu aber ist der Rückzug vom Dogmatismus des Vorwissens nötig. Die Zukunft zu wissen hat Sokrates immer als „Unwissenheit“ bezeichnet, „zu
glauben, man wisse, was man nicht weiß.“ [11: Platon: Apologie, 29 b)] Dieses
zentrale Argument zum Thema Zeit, verwendet er in der Apologie, um seine Gegner
des Scheinwissens zu überführen, wenn sie behaupten, die Zukunft zu wissen.
Platon
benötigt für seine Theorie der Idee gerade dieses „göttliche Vorwissen“. Und
genau dieses zentrale Argument vom ewigen Wissen unterstellt er Sokrates. Und
hier liegt auch die Übereinstimmung mit Thrasýmachos. Jetzt können wir verstehen,
warum und wie Platon die „sokratische Ironie“ systematisch aufbaut. Er verehrt
sie wie einen Tempelschrein, weil er in sie hinein das „ewige Wissen“ wie eine
heilige Reliquie stellen kann. Dies tat er alles erst nach Sokrates Tod.
Das
sokratische Nichtwissen der Zukunft ist inhaltlich
gleichbedeutend mit dem Nichtwissen der Gerechtigkeit. Es sei denn, man versteht
sie wie Platon als eine feststehende
Größe, als eine Idee. Sokrates sieht „Gerechtigkeit“ nicht als eine Idee, sondern
als eine existentielle Aufgabe, die sich jeden Augenblick stellt und aus diesem
Augenblick heraus verwirklicht werden muss. Diese Differenz müssen wir im Auge
behalten. [12: Diese existentielle Praxis zeigt sich an einem zweiten Fall, nämlich
in der sokratischen Polemik gegen den Priester Euthyphron. Weil dieser eine Theorie
der „Frömmigkeit hat“, kann er seinen Vater auf Mord verklagen, ohne die Umstände
zu prüfen.] Sokrates spricht sich in allen Fällen gegen festgelegtes Gesetzeswissen
aus. Solches „Wissen“ würde ja die existentielle Praxis zerstören. Sokrates will
jeden Augenblick überprüfen, ob die Haltung sich aus dieser inneren Quelle speist,
oder ob sie priesterliches oder sonstiges Scheinwissen aufbietet, um Selbstpraxis
zu verhindern.
Weil die sokratische Existenz sich aus der offenen Stellung an
der Grenze der Zeit in die Position der Selbstschöpfung bringen will, kann sie
nie behaupten, ein abgeschlossenes Wissen zu haben. Sie würde ansonsten die Selbstschöpfung
zerstören. Nicht, weil das Wissen der Zukunft unmöglich ist. Nein, weil die These
vom Wissen der Zukunft eine praxisabtötende These ist. Sie macht es unmöglich,
sich im menschlichen Gestaltungsraum einzufinden. Sie stellt in den Raum der
Selbstgestaltung die Behauptung, dass man ein vorauseilendes „Wissen“ haben könne,
mit dem man die Zukunft nur ausfüllen muss. Doch wenn wir wirklich über die Zukunft „reden“ (eírô),
dann sprechen wir immer über eine Suche. Wir fragen nach Wissen. Wir gehen fragend
Handlungsfolgen an, von denen wir „wissen“, dass sie nicht sind, sondern werden.
Wüssten wir sie, wir müssten nicht fragen. Das Fragen enthält die „Unwissenheit“ (eirôneía),
einen Anschein, der ein Mangel ist für den, der haben will, was er nicht hat.
Weil wir als Menschen zunächst einfach haben wollen, was wir nicht haben, unterstellen
wir jedem Suchenden und Schöpfenden eine geheime Absicht.
Die Offenheit des Lebens
führt in die Krise. In der Krise wird das Leben von sich selbst befragt, ohne
in diesem Moment selbst auf diese Frage schon eine Antwort zu geben. Die Antwort
wird sich erst durch das gelebte Leben einstellen, wenn in durchgestandener Selbstpraxis Abschied vom Vergangenen genommen wird. Erst nach der Krise, also in der Apó-krisis (Verantwortung) taucht die Anwort auf. Sie ist eine menschliche Schöpfung.
Mit
der „sokratischen Ironie“ hat Platon die Frage des Lebens und des Entscheidungskampfes
jedes Einzellebens für sich selbst und seine eigene Schöpfung verdeckt. Ironisiert
man nämlich diese Frage, dann kann man ihren Kern umgehen. Wenn wir ehrlich fragen
(erotáo), dann tritt das „Nichtwissen“ aus der Situation heraus, auf die wir
hinfragen. Doch wir fragen immer wieder. Wir suchen aufzuspüren, was wir nicht
wissen. Wir erinnern Lösungen für Fragen und erfinden Antworten, die eigentlich
ein schöpferisches Spiel mit unseren Lebensfragen sind. In diesem Sinne muss
auch die vorgelegte Frage in ihrer erotischen Komponente verstanden werden. „Eros“ schöpft,
wie „Pythia“ in Delphi schöpft, wenn man ihr eine Frage vorlegt. [13: „Dem Orakel
eine Frage vorlegen“, heißt: „He Pythia apókrinetai tois èrotosi“.]
Verstehen
wir Sokrates unter diesem Gesichtspunkt als den großen Frager, so öffnet sich
die Beziehung zum Eros seiner Reden. So sagt im Symposion Platons Alter
ego Alkibiades, über
Sokrates, dass er erotische Reden von großer innerer Kraft halte. „Darauf er
(Sokrates), höchst ironisch (eironikos) und ganz nach seiner Weise und Gewohnheit:
Mein lieber Alkibiades, du scheinst in der Tat kein Dummkopf zu sein, wenn du
recht hast, mit deiner Behauptung über mich, und mir wirklich eine solche Kraft
(dýnamis) innewohnt, die imstande wäre, aus dir einen besseren Menschen zu machen.
Eine solche Schönheit über alle Begriffe hinaus würdest du dann in mir erblicken,
eine Schönheit, die von deiner Wohlgestalt völlig verschieden ist. (...) gehst
du doch vielmehr darauf aus, für den bloßen Schein der Schönheit, dir die wahre
Schönheit anzueignen (...). Doch mein Bester, sieh schärfer zu, sonst merkst
du nicht, dass an mir gar nichts ist.“ [14: Platon: Symposion, 218 d–e (Übersetzung
Apelt, Otto)]
Damit lehnt Sokrates auch hier zwei Leistungen ab, die ihm Alkibiades
anbietet. Er kann ihn nicht zu einem besseren Menschen machen. Das muss Alkibiades
in eigener Selbstpraxis tun. Und zweitens sagt Sokrates auch hier, dass er nicht
weiß, was die Zukunft bringt. Es gibt mithin einen entscheidenden Unterschied.
Wunschvolle Gegenwart erscheint in der Zeit als Glück, weil sie von anderen für
uns gestaltet wird. Wirkliche Gegenwart (parusía) ereignet sich, weil wir sie
in der Zeit durch unsere Selbstpraxis zur Welt bringen. Nach Sokrates Ansicht
ist Alkibiades davon „noch weit entfernt“. Und mehr noch. Er ist nicht „darauf
aus, (sich) für den bloßen Schein der Schönheit, (...) die wahre Schönheit anzueignen“.
[15: Platon: Symposion, 218 e–219 a]
Wir sehen, dass es Platon selbst an dieser
Stelle des Symposions nicht vollständig gelingt, den selbstschöpfenden Charakter
der sokratischen Existenzphilosophie durch die Ideenlehre zu ersetzen. Wären
die Ideen wirklich lehrbar, würde Sokrates nicht auf eine Selbstpraxis als eigenes,
lebenslanges Lernen verweisen. Er würde dann davon sprechen, dass Alkibiades
und jeder andere auch nur hören müsse, was von diesem „wahrhaft dämonischen und
wunderbaren Mann“ gesprochen wird. [16: Platon: Symposion, 219 b] Das Wort als
Idee würde Alkibiades retten. Doch Sokrates sagt ihm und uns, dass er sich selbst
durch eigene Schöpfung retten muss.
Der Gang in sich selbst steht am Anfang und
am Ende jeder sokratischen Unterredung. Die Frage als Krise des Lebens
führt
zum Staunen. Das Staunen (thaumázein) des Sokrates ist ein Kampf mit dem Nichtwissen,
der im geschöpften Wissen endet. Doch für Sokrates ist klar, dass dieses Selbstwissen
nicht als ideenstarkes Fremdwissen an jeden x-beliebigen weiter gegeben werden
kann. Wer sein inneres Leben bedenken will, der muss schöpferisch in seine Träume,
Tagträume und Gefühle tauchen. Diese existentielle Wahrheit ist im Bild des staunenden
Sokrates sichtbar, wie „er einmal von früh Morgen ab an der selben Stelle stehen“ blieb
und „nicht locker ließ“ bis er sich die Lösung erdachte. [17: Platon: Symposion,
220 c–d]
Das „Staunen“ (thaumázein) ist ein erotischer Akt, weil das innere Zwiegespräch
sich in Fragen ereignet, die sich selbst über die Grenze des eigenen Verhaltens
hinaus zu neuen Ufern treiben. Doch es ist zu wenig, nur festzustellen, dass
uns die „Frage“ in die Offenheit der Zeit stellt. Tatsächlich sind wir in die
Gegenwart gestellt, die sich ereignet und uns zur Eigenhandlung herausfordert.
Es gehört zu den weitreichendsten platonischen Transformationen des Sokrates,
dass er (Platon) sein Alter ego Alkibiades sagen lässt, Sokrates sei eine ironische
Doppelnatur: „Ich behaupte nämlich, er habe die größte Ähnlichkeit mit jenem
hockenden Silenen in den Bildhauerwerkstätten, wie sie von den Künstlern mit
Hirtenpfeifen und Flöten im Mund dargestellt werden: öffnet man die Doppeltür,
so bergen sie (...), in ihrem Innern Götterbilder. Und weiter vergleiche ich
ihn mit dem Satyr Marsyas. (...). Du aber unterscheidest dich ihm nur dadurch,
dass du ohne Instrumente mit bloßen Worten dasselbe bewirkst.“ [18: Platon: Symposion,
215 ff.]
Dieses Bild ist zum Sinnbild für den ironischen Sokrates geworden. Hinter der
ironischen Schale – das will uns Platon sagen – verberge sich ein „Götterbild“ und
damit sei die Ironie des Sokrates schlussendlich göttliches Wissen. Wir sind
dann suchende Kinder, die in ihm finden sollen, was er schon weiß.
Durch das
Bild von der „Doppeltür“ lässt sich gut beschreiben, wie Platon den aktiven,
und mit sich kämpfenden Sokrates aus dem Spiel nimmt. Durch die Doppeltür tritt
der platonische Sokrates auf die Bühne. Er weiß, was die anderen nicht wissen.
Nicht Sokrates, sondern Platon ist der hinterlistige Lehrer, ein „Schalk“, ein „Ironiker“.
Die platonische Geburt des Ironikers Sokrates
ist damit gleichzeitig der Todesort des suchenden und sich erfindenden
Sokrates. An die Stelle des Wissens (sýnoida) über
das Nichtwissen der Zukunft tritt bei Platon die Geburt der Weisheit (sophia) über
die Zukunft der Zeit. Es ist dies kein „menschliches Wissen“, wie Sokrates in
der Apologie sagt. Sokrates ist zur Maske Platons geworden, wie Nietzsche einmal
sehr richtig feststellte. Und dieser platonische Satyr ist nun tatsächlich ein
hohler Götze, der am „morgen sein Gebet an die Sonne“ (Sinnbild für Apoll) [19:
Platon: Symposion, 220 d. Siehe dazu auch: Schefer, Christina: Platons unsichtbare
Erfahrung, Basel 2001, S. 170 ff.] verrichtet und von der Bühne abtritt.
Diese
Karikatur ist nicht Sokrates, sondern seine Transformation in einen Vertreter
der platonischen Ideenlehre. Mit einem solchen Sokratesbild müssen wir in der
Tat endlich brechen, um zum existentiellen „Wissen des Nichtwissens“ vorzustoßen.
Der „Ironiker Sokrates“ ist eine platonische Erfindung, durch die Platon
die Offenheit der Zeit als Existenzraum verschloss.
Dr. Xaver Brenner